Finanzen & Karriere

FINANZIERUNG | 21.07.2012

Mittelstand entdeckt Anleihe als Finanzierungsinstrument

Golfino, Zamek, Seidensticker und sogar das Internet-Startup PosterXXL: Immer mehr mittelständische Unternehmen setzen auf Anleihen, um ihre Finanzierung unabhängiger von den Banken zu gestalten.

Kapital selbst gebacken: Auch die Bäckerei Heberer begibt eine Anleihe. Foto: Hanno Bender

Kapital selbst gebacken: Auch die Bäckerei Heberer begibt eine Anleihe

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Der Hemdenhersteller Seidensticker, die Fluggesellschaft Air Berlin, der Textilhändler Steilmann-Boecker, das Startup-Unternehmen PosterXXL, die Bäckerei Heberer und der Fußballverein Schalke 04 haben eine Gemeinsamkeit. Sie alle nutzen ein Finanzierungsinstrument, das es vor wenigen Jahren in Deutschland noch nicht gab: die sogenannte Mittelstandsanleihe.

Seit Mai 2010 bietet die Stuttgarter Börse mittelständischen Unternehmen einen direkten Zugang zum Kapitalmarkt. Unternehmen mit einem Kapitalbedarf ab zehn Millionen Euro aufwärts können dort selbstständig eine Anleihe platzieren, die von privaten und institutionellen Anlegern gezeichnet werden kann.

Am Börsenplatz Stuttgart werden diese Eigenemissionen dann im Segment "bondm" gehandelt. Dem Beispiel folgten die Börsen in Frankfurt (Entry Standard), Düsseldorf (mittelstandsmarkt), München (m:access) sowie die Börsenvereinigung Hamburg/Hannover (Mittelstandsbörse Deutschland) schnell mit ähnlichen Angeboten nach (siehe auch Tabelle unten).

Mittelständler nutzen den Kapitalmarkt


Rund 40 mittelständische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben sich seither auf diesem Wege Fremdkapital von Investoren beschafft. Eines davon ist der Nahrungsmittelhersteller Zamek, der Suppen, Brühwürfel und Aromastoffe für zahlreiche große Lebensmittelhändler produziert.

"Vor eineinhalb Jahren trat die Börse Düsseldorf mit dem Konzept an uns heran", erinnert sich Geschäftsführerin Petra Zamek im Gespräch mit Der Handel. "Da wir ein vorsichtiges Unternehmen sind, haben wir zunächst abgewartet und beobachtet, wie sich das Segment entwickelt."

Nachdem die Underberg Semper Idem GmbH und Valensina jedoch im Frühjahr 2011 sehr erfolgreich eine Anleihe an der Düsseldorfer Börse platzieren konnten, setzte sich auch der Lebensmittelhersteller intensiver mit dem neuartigen Finanzierungsinstrument auseinander.

Foto: Christoph Seelbach

"Unabhängikeit von den Kreditinstituten". Petra Zamek und Michael Krüger, Geschäftsführung Zamek.

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"Hinzu kam, dass die Situation der Banken immer unkalkulierbarer wurde. In der Bankenlandschaft hat es in den vergangenen Jahren dramatische Umbrüche gegeben und für Unternehmen wie das unsere ist es derzeit kaum einschätzbar, welche Auswirkungen etwa Basel III auf die Handlungsfähigkeit der Kreditinstitute haben wird. Deshalb wollten wir uns unabhängig von den Banken finanzieren und haben uns für die Anleihe entschieden", schildert Zamek-Geschäftsführer Michael Krüger.

Am 9. Mai 2012 begann die Zeichnungsfrist der Zamek-Anleihe. 35 Millionen Euro für eine Laufzeit von fünf Jahren beabsichtigte das Düsseldorfer Traditionsunternehmen von Investoren einzusammeln und bot den Anlegern dafür jährlich 7,75 Prozent Zinsen. Schon am Vormittag war die Anleihe mehrfach überzeichnet, das Interesse der Investoren übertraf das Angebot deutlich.

Nicht immer verläuft eine Anleihenplatzierung freilich so reibungslos. Der Fußballverein Schalke 04 beispielsweise wollte Anfang Juni dieses Jahres 50 Millionen Euro von Anlegern einsammeln, musste sich schlussendlich allerdings mit 35 Millionen Euro zufriedengeben.

Großes Interesse am deutschen Mittelstand


"Der Emittent muss die Investoren davon überzeugen, dass er in der Lage ist, die Anleihe am Ende der Laufzeit zurückzuzahlen und zwischenzeitlich die jährlichen Zinszahlungen zu erbringen", sagt René Parmantier, CEO der Close Brothers Seydler Bank (CBSB). Das Frankfurter Bankhaus hat mittlerweile 15 Mittelstandsanleihen begleitet. Unternehmen wie Bastei Lübbe, Dürr, der Bekleidungshersteller Golfino AG und Zamek stehen auf der Referenzliste.

Foto: Close Brothers Seydler Bank

"Für Handelsunternehmen interessant", René Parmantier, CEO von CBSB.

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"Es gibt ein großes Interesse von institutionellen Anlegern an mittelständischen Unternehmen aus Deutschland. Diese Pensionsfonds, Versicherer und Family Offices schauen allerdings sehr genau auf das jeweilige Geschäftsmodell und das Management, bevor sie ihr Geld in eine Anleihe investieren", so Parmantier.

Eine ganze Reihe von Anfragen interessierter Unternehmen habe die Bank abgelehnt, weil die Rentabilität, die Eigenkapitalquote oder das Konzept zur Mittelverwendung nicht überzeugten. "Wenn eine von uns begleitete Anleihe scheitern würde, fiele das auch auf uns zurück", weiß der Chef von CBSB.

Die Gefahr einer feindlichen Übernahme


Einen ersten Schock erlebte der Markt für Mittelstandsanleihen im Mai dieses Jahres, als der Windkraft-Zulieferer SIAG Insolvenz anmelden musste. Wenige Monate zuvor hatte das Unternehmen eine Anleihe begeben. "Ein Rückschlag für die Mittelstandsanleihe", titelte die Wirtschaftspresse.

"Bei dieser Assetklasse fehlt die 'Gatekeeper'-Funktion der Banken, die bei den traditionellen Anleihe-Emissionen mit ins Risiko gehen", kritisiert Dr. Hendrik Haag, Partner der Rechtsanwaltskanzlei Hengeler Mueller. "Es tummeln sich daher auch finanzschwache Emittenten in diesem Markt. Für Anleger sind Mittelstandsanleihen daher oft risikoreich."

Aber auch für die emittierenden Unternehmen gebe es Gefahren, warnt Haag: "Investoren mit feindlichen Absichten könnten Krisenzeiten und schwache Kurse nutzen, um aus der Gläubigerposition die Kontrolle über das Unternehmen zu gewinnen", urteilt der Experte für Bank- und Kapitalmarktrecht.

Foto: Golfino AG

"Investoren differenzieren sehr genau", Markus Jung, CFO Golfino AG.

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Für Zamek oder den Golfbekleidungshersteller und -händler Golfino hatte die SIAG-Insolvenz allerdings keine spürbaren Folgen. "Wir waren da ganz entspannt", sagt Markus Jung, Finanzvorstand der Golfino AG im Gespräch mit Der Handel. Ausgerechnet eine Woche nach der SIAG-Pleite begann die Zeichnungsfrist für die Anleihe des Golfsportspezialisten.

Dennoch waren die anvisierten zwölf Millionen Euro zum Zinssatz von 7,25 Prozent bereits am ersten Zeichnungstag platziert. "Die Investoren agieren sehr professionell und differenzieren sehr genau", urteilt Jung. Bei Windkraft- und Solarunternehmen schauen Anleger inzwischen zweimal hin.

In der Textilbranche ist die Mittelstandsanleihe geradezu in Mode gekommen, nach Seidensticker und Golfino bemühen sich mittlerweile auch Steilmann und René Lazard um die Gunst von Investoren.

Frisches Kapital, um Expansionzu finanzieren


Die Golfino AG will mit dem nun zur Verfügung stehenden Kapital die Expansion im In- und Ausland finanzieren und auch bestehende Finanzierungen ablösen.

Die Norddeutschen haben sich ambitionierte Ziele gesetzt: Der Gesamtumsatz mit eigenen Stores, Shop-in-Shop-Flächen und im Großhandel soll sich auf Basis der Ladenverkaufspreise von 47 Millionen Euro im Jahr 2010 auf 100 Millionen Euro im Jahr 2015 und auf knapp 200 Millionen Euro im Jahr 2020 ausweiten. Investitionen in neue Standorte und in den Onlineshop stehen auf dem Plan.

Quelle: PWC, Stiftung Familienunternehmen

Die Börsenplätze für Mittelstandsanleihen im Überblick.

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"Wer eine Anleihe plant, sollte den internen Aufwand nicht unterschätzen, den die Prospekterstellung und die Roadshow für die Investoren mit sich bringen", rät Jung. Vier bis neun Monate Vorbereitungszeit müssen einkalkuliert werden, bevor die Zeichnungsfrist - der Tag der Wahrheit für den Emittenten - beginnt.

Ein erfahrenes Team mit externen Experten sei für die Vorbereitung der Platzierung unerlässlich, betont der Finanzchef von Golfino, und auch Petra Zamek hebt die Bedeutung der professionellen Zusammenarbeit mit der begleitenden Bank, den eigenen Anwälten und Experten für die Kommunikation mit Investoren hervor.

Auch bei Zamek steht die Ablösung bestehender Finanzierungen mit den Mitteln aus der Anleihe auf der Agenda. Allein durch die Beendigung von Leasingverträgen wollen die Düsseldorfer künftig eine Million Euro sparen. Weitere 17 Millionen Euro aus der Anleihe sollen zur Wachstumsfinanzierung dienen.

"Wir wollen das Unternehmen modernisieren, um unseren Kunden und nun auch unseren Investoren weiterhin Qualität und Verlässlichkeit bieten zu können", sagt Michael Krüger.

Interessant für viele Handelsunternehmen


"Inhabergeführte Unternehmen mit einem visiblen Markennamen wie Zamek oder Golfino punkten bei Investoren", urteilt René Parmantier. "Für viele Handelsunternehmen kann die Mittelstandsanleihe auch deshalb eine interessante Finanzierungslösung sein."

Ganz billig ist die Unabhängigkeit von der Bankfinanzierung freilich nicht. Neben der Zinslast müssen Kosten für die Platzierung einkalkuliert werden, die sich in der Regel auf rund 5 Prozent des Anleihevolumens summieren.

Hanno Bender

Dieser Artikel erschien in der Juli-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.

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