Finanzen & Karriere

MOBILES BEZAHLEN | 22.05.2011

Kampf der Bezahlsysteme: Code contra Chip

Die zunehmende Verbreitung von Smartphones wirft die Frage nach Zahlungslösungen für die mobilen Alleskönner auf. Der NFC-Technologie wird eine große Zukunft vorausgesagt - doch es gibt auch Alternativen.

Hohe Marktreife: Das mobile Bezahlen per QR-Code-Scan kommt ohne NFC-fähige Karten oder Handys aus. Foto: Itellium

Hohe Marktreife: Das mobile Bezahlen per QR-Code-Scan kommt ohne NFC-fähige Karten oder Handys aus. Foto: Itellium

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Für viele stationäre Händler sind Smartphones mittlerweile ein rotes Tuch. Wer im Laden sein Handy zückt, fotografiert die Ware nur, um sie später im Internet zu bestellen oder recherchiert das günstigste Angebot im Netz, um anschließend eine Preisdiskussion zu beginnen, so die Befürchtung.

Die Apps von eBay, Amazon oder barcoo machen es möglich: Einfach den Barcode einscannen und schon ist der beste Preis nur noch einen Klick oder ein paar Meter entfernt.

33 Millionen Smartphones


Händler werden sich an derart bewaffnete Kunden gewöhnen müssen, denn die Verbreitung der internetfähigen Taschencomputer nimmt rasant zu und mit ihnen die Zahl der Kunden, die Apps nicht nur vom Namen her kennen. Rund 33 Millionen Smartphones sollen in Deutschland bereits im Markt sein. Allein in diesem Jahr rechnet der Branchenverband Bitkom mit zehn Millionen neu verkauften Geräten.

Die mobilen Alleskönner werden freilich nicht nur das Informations- sondern auch das Zahlungsverhalten der Kunden verändern: „Es ist unvermeidbar, dass die Welt von Zahlungsoptionen und die Welt von Mobiltelefonen bald ineinander fließen", lautet beispielsweise die Einschätzung vom Kreditkartenunternehmen Visa.

"Um diesen Trend voranzutreiben, werden wir jährlich Investitionen von 100 Millionen Euro tätigen", erklärte Peter Ayliffe, Visa-Europachef, jüngst vor den europäischen Mitgliedsbanken der Organisation in Barcelona. "Wir erwarten den kommerziellen Start von mobilen Zahlungen noch vor Ende 2011."

Die Konkurrenz bewertet die Sachlage ähnlich: Peter Ehmke, Deutschlandchef von Mastercard, geht fest davon aus, das mobile Zahlungslösungen ein Zukunftsthema sind (siehe Der Handel 03/2011).

Kontaktloses Bezahlen ist die Zukunft


Und auch in einem anderen Punkt sind sich die beiden großen Player der Kreditkartenbranche einig: Zahlen mit dem Handy wird ihrer Meinung nach kontaktlos mithilfe der "Near Field Communication"-Technologie erfolgen (NFC).

Ein Transponder, der sich in einer Kreditkarte, einem Handy, einem Schlüsselanhänger oder Aufkleber verbergen kann, funkt seine Daten zu einem NFC-Reader an der Ladenkasse, um die Zahlungen kontaktlos im Vorbeigehen abzuwickeln.

Bislang gab es nur wenige NFC-fähige Handys. Doch Google setzt mit dem „Nexus S" von Samsung nun auch auf diese Technik und vereinbarte jüngst mit Mastercard und der Citibank eine Kooperation, um mit "Google Wallet" eine Bezahloptionen in das Android-­Betriebssystem zu integrieren.

Ob auch das kommende iPhone5 von Hause aus mit NFC-Technik ausgestattet wird, dazu gibt es im Internet die üblichen Gerüchte. Für die Kartenindustrie, Terminalhersteller und auch Google scheint der Fall jedenfalls entschieden: Bezahlt wird demnächst mit dem Smartphone kontaktlos per NFC.

"Was die Beteiligten dabei vergessen ist, dass es sich auch für den Handel rechnen muss, NFC-Lesegeräte an der Kasse aufzustellen", gibt Dr. Andreas Marra, Geschäftsführer der Itellium Mobile Solutions GmbH, zu bedenken. "Ohne Business Case werden Handelsunternehmen nicht bereit sein, in die Lesegeräte zu investieren."

Noch kein Standard in Sicht


Zudem lasse sich derzeit noch nicht absehen, welche Standards sich etablieren werden. "In Ländern, in denen das kontaktlose Zahlen schon weit verbreitet ist, wie etwa Korea, findet man fünf unterschiedliche NFC-Reader an der Kasse, im deutschen Handel ist das nur schwer vorstellbar."

Google, Apple, Facebook, PayPal aber auch Visa, Mastercard und die Mobilfunkprovider - viele neue und alte Marktteilnehmer wollen beim Thema mobile Zahlungsabwicklung ein Wörtchen mitreden. Ob sich die Parteien auf einen gemeinsamen Standard einigen, ist keineswegs ausgemacht - im Gegenteil.

"Zwar versichern die Terminalhersteller dem Handel, dass ihre NFC-Geräte per Software-Download flexibel seien. Doch solche Updates bedeuten mitunter einen erheblichen Aufwand und sind nicht zum Nulltarif zu haben", so Marra im Gespräch mit Der Handel.

Die Itellium Mobile Solution aus Essen, bietet eine andere Lösung, mit der das Zahlen per Handy bereits heute im Handel realisiert werden kann, ohne dass auf NFC-fähige Karten oder Handys gewartet werden muss.

Der Kunde scannt dabei mit seinen Smartphone einen QR-Code ein, der auf einen Kassenzettel ausgedruckt oder auf einem Bildschirm angezeigt werden kann und löst dann nach der Eingabe der PIN die Zahlungsabwicklung aus.

Starbucks praktiziert diese Methode in den Vereinigten Staaten bereits, da man nicht länger auf NFC-fähige Handys warten wollte. Rund drei Millionen Zahlungen sind in den Coffeeshops bereits per QR-Code erfolgt, vermeldete das Unternehmen jüngst.

Nicht nur zahlen


"Für den Handel machen Zahlungslösungen für das Handy nur Sinn, wenn sie in eine Gesamtstrategie für Mobile Commerce oder Mobile Marketing eingebettet sind und sich in Loyalty- oder Couponing-Programme einbinden lassen", meint Andreas Marra. "Dazu müssen Händler ihre Prozesse und auch ihre IT-Systeme um den mobilen Kanal erweitern."

Das Medium QR-Code biete ihnen bereits heute die Möglichkeit, das Kundenmanagement auf neue Beine zu stellen. Die Tags können auf Plakaten oder in Zeitschriften abgedruckt werden und zum direkten Einkauf im Onlineshop verführen, ohne dass die Vervielfältigung Mehrkosten produziert.

Inwieweit der QR-Code später durch NFC abgelöst werden kann, ist eine Frage, die "erst nach der flächendeckenden Einsatzfähigkeit von NFC beantwortet wird", erläutert Marra.

Google hatte vor zwei Jahren große Pläne mit den QR-Codes und verschenkte Hunderttausende Aufkleber mit den Tags an Restaurants und Händler in den USA. Die Unternehmer sollten die kryptischen Zeichen an ihre Ladentür heften, um potenzielle Kunden zur entsprechende "Google Places"-Internetsite zu führen.

Im April 2011 stellte Google das QR-Code-Projekt allerdings ein. Der Suchmaschinen­gigant setzt nun gänzlich auf die NFC-Technik.

Ausdrucken ist zu umständlich


"Einen QR-Code erst ausdrucken und dann einscannen, das ist zu umständlich und dauert zu lange", glaubt auch Manfred Krüger, Geschäftsführer der Concardis, einem der größten Dienstleister für bargeldlosen Zahlungsverkehr in Deutschland. "Die Kunden wollen schnell und einfach mit dem Handy zahlen, deshalb gehört der kontaktlosen NFC-Technik die Zukunft."

Krüger hält es zwar durchaus für möglich, dass Player wie Apple, Google, Amazon oder Facebook mit ihren Abermillionen Nutzern künftig ganz eigene Wege beim Thema Zahlungslösungen einschlagen werden. "Wenn es um größere Zahlungsbeträge geht, vertraut der Kunde sein Geld aber lieber einer starken Marke an."

Etablierte Zahlungsdienstleister wie Visa und Mastercard haben nach Auffassung von Krüger dabei einen klaren Vertrauensbonus und deshalb gute Chancen auch im mobilen Zahlungsverkehr Bestandteil der Wertschöpfungskette zu bleiben.

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe von Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie
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