Politik & Finanzen

ZAHLUNGSVERKEHR | 26.03.2013

Mit SEPA droht der Zahlungsstillstand

Bis zum 31. Januar 2014 müssen alle Unternehmen ihren Zahlungsverkehr auf die SEPA-Verfahren umstellen. Die Zeit wird nicht reichen, warnt die Commerzbank und hat einen Plan B.

Die Zeit läuft: Bis zum 1.2.2014 müssen alle Unternehmen SEPA-ready sein.

Die Zeit läuft: Bis zum 1.2.2014 müssen alle Unternehmen SEPA-ready sein.

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Noch 311 Tage haben die Unternehmen in Europa Zeit, um ihren bargeldlosen Zahlungsverkehr auf die Regeln der Single European Payments Area (SEPA) umzustellen. Ab dem 1. Februar 2014 dürfen die Banken keine Überweisungen und Lastschriften mehr ausführen, die nicht den neuen SEPA-Formaten und -Anforderungen gerecht werden.

"Wir sind überzeugt, dass es nicht alle Unternehmen schaffen werden", urteilt Klaus Windheuser, der im Corporate Banking der Commerzbank AG den Bereich Cash Management & International Business leitet. "Diesen Unternehmen droht im Februar 2014 der Zahlungsstillstand", warnte Windheuser am Montag dieser Woche vor Journalisten in Frankfurt.

Unternehmen jeglicher Größenordnung betroffen


Drei Viertel des deutschen Mittelstands ist laut einer Umfrage von TNS Infratest, die im Auftrag der Commerzbank durchgeführt wurde, noch nicht auf SEPA vorbereitet. 76 Prozent der 6.000 befragten Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 12,5 Millionen Euro hat sich noch nicht mit dem Thema befasst oder Umsetzungsmaßnahmen getroffen.

Dabei muss jedes Unternehmen, ob Groß- oder Kleinbetrieb, Überweisungen und Lastschriften bis zum Stichtag auf SEPA-Verfahren umstellen und seine internen Prozesse entsprechend anpassen. "Betroffen sind alle Abteilungen vom Einkauf, IT und Gehaltsbuchhaltung über Marketing und Rechnungswesen bis hin zum Treasury und der Rechtsabteilung", betont Windheuser.

Dass sich bislang nur wenige Unternehmen dem Thema gewidmet haben, bestätigen auch Zahlen der Deutschen Bundesbank. Beispielsweise wurden erst 220.000 sogenannte Gläubiger-IDs vergeben, obwohl jedes Unternehmen, dass nach dem Stichtag eine Lastschrift einreichen will, über eine solche Identifikationsnummer verfügen muss. In Deutschland geht die Bundesbank von insgesamt 3,2 Millionen notwendigen Gläubiger-IDs aus.

Wesentlich komplexer als die Beantragung einer Gläubiger-ID ist freilich das Anlegen von Mandatsverwaltungen, die künftig ebenfalls für das Einziehen einer SEPA-Lastschrift erforderlich sind. Für die ehemals unkomplizierte Lastschrift, wie sie in Europa vor allem in Deutschland, Österreich und Holland genutzt wird, sind im SEPA-Zeitalter Vorankündigungen und unterschiedliche Befristungen für Erst- und Folgelastschriften einschlägig, die vielen Lastschrifteinreichern Kopfzerbrechen bereiten und etablierte Geschäftsmodelle in Frage stellen.

Lediglich 0,2 Prozent nutzen SEPA-Lastschrift


Bei den Firmenkunden der Commerzbank werden entsprechend lediglich 0,2 Prozent der Lastschriften bereits über das SEPA-Verfahren abgewickelt. "Die Bundesbank kommuniziert den Anteil der SEPA-Lastschriften am Gesamtmarkt nicht mehr, nachdem er sich im Vorjahr im Promillebereich bewegte", sagt der SEPA-Spezialist Hans-Rainer van den Berg von der gleichnamigen Unternehmensberatung. Bei den Überweisungen sollen immerhin bereits 6,7 Prozent aller Transaktionen als SEPA-Überweisung mit IBAN und BIC abgewickelt werden.

Doch auch bei den Überweisungen ergeben sich Probleme im Zuge der SEPA-Umstellung. Beispielsweise lassen sich Kontonummer und Bankleitzahl nicht reibungslos mit Hilfe von Konvertierungsprogrammen in IBAN und BIC umwandeln. Der Bankverlag und die Bundesbank bieten solche Konvertierungen an, allerdings sind nur rund 95 Prozent der auf solche Art umgewandelten Bankverbindungen fehlerfrei.

Oftmals hängt dies mit der Qualität der eingebrachten Stammdaten zusammen. "Bisher wurden viele Fehler bei der angegeben Bankverbindung automatisch durch die Banken korrigiert, das ist künftig nicht mehr in allen Fällen möglich", erläutert Windheuser. Der Bankkunde weiß aber Stand heute gar nicht, dass seine Stammdaten Fehler beinhalten, weil der Zahlungsverkehr reibungslos funktionierte.

"Wir raten Unternehmen dringend, ein SEPA-Projekt zu starten und sich mit ihren Hausbanken abzusprechen", sagt Klaus Windheuser. "Die Commerzbank stellt sich aber parallel darauf ein, einen Konvertierungsservice für die Firmenkunden bereitzuhalten, auch wenn wir einen solchen Service nach der derzeitigen Gesetzlage nicht anbieten dürfen". Die Bank will hierzu beispielsweise fehlende Angaben bei eingereichten Lastschriften nach dem 1. Februar 2014 von sich aus ergänzen.

Commerzbank stellt sich auf Konvertierungsservice ein


Windheuser rechnet damit, dass die Regulierungsbehörden eine nicht SEPA-konforme Einreichung für Übergangszeit dulden werden. "Kleine Beratungsunternehmen werden diese Konvertierungen nicht anbieten können, dazu sind Rechenzentren erforderlich, wie sie nur die Banken besitzen", so der Zahlungsverkehrsexperte.

Seiner Einschätzung nach wird lediglich 80 bis maximal 90 Prozent des bargeldlosen Zahlungsverkehrs nach dem Stichtag störungsfrei durchgeführt werden können. "Wir sehen uns daher auch volkswirtschaftlich in der Pflicht, den Zahlungsverkehr aufrecht zu erhalten und bereiten uns entsprechend vor", so Windheuser.

Wie lange ein solcher, kostenpflichtiger Konvertierungsservice erforderlich sein wird, könne nach heutigem Stand nicht beurteilt werden. "SEPA ist die Zukunft, darauf sollten sich die Unternehmen einstellen, auch wenn dies ein schwieriger Prozess ist", betont Windheuser. "Viele Gepflogenheiten, die sich zwischen Banken und Unternehmen in den letzten Jahrzehnten im Zahlungsverkehr eingespielt, müssen sich erst wieder neu finden".

Die im Onlinehandel und bei Kartenzahlung im Handel beliebte Lastschrift, hat nach Auffassung von Windheuser als SEPA-Verfahren das Zeug zum europäischen Exportschlager, "weil das Unternehmen den Zeitpunkt der Einreichung bestimmen kann und zugleich die Kontrolle über die Richtigkeit der Daten des Zahlungspflichtigen hat". Bei allem Aufwand sollten Unternehmen die Vorteile von SEPA - etwa durch die Bündelung des internationalen Zahlungsverkehrs in so genannten Payment Factorys - nicht verkennen, meint der Banker.

Hanno Bender

Lesen Sie in der kommenden April-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel wie sich die Einzelhandelsbranche auf die SEPA-Verfahren vorbereitet. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.

Weitere Informationen zum Thema:


Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) hat ihre Fragen/Antworten-Liste zur SEPA-Umstellung im Februar 2013 aktualisiert. Aus Punkt 11.2 geht hervor, dass grundsätzlich auch E-Mails zur Mandatierung einer Lastschrift im SEPA-Zeitalter genügen, soweit die Inkassovereinbarung zwischen Zahlungsempfänger und Zahlungsdienstleister dies vorsieht.  

Der IT-Branchenverband BITKOM hat einen aktualisierten SEPA-Leitfaden herausgeben.

Eine Fülle von Informationen und Checklisten für Unternehmer hält das Forschungsinstitut ibi research auf der Internetseite SEPA-Wissen bereit.

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