Finanzen & Karriere

ZAHLUNGSVERKEHR | 07.09.2012

Zehn Verbände kämpfen um Erhalt der Lastschrift

Die im Onlinehandel verbreitete Lastschrift steht vor dem Aus. Eine gemeinsame Erklärung von zehn Verbänden fordert die Beibehaltung der effizienten Bezahlmethode auch im SEPA-Zeitalter.

Foto: easycash

Ist die Lastschrift künftig nur noch mit Unterschrift auf Papier möglich?

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In einer gemeinsamen Erklärung fordern zehn Verbände, Lastschriftzahlungen im Internet auch nach dem Februar 2014 weiterhin zu ermöglichen. Die Stellungnahme des Handelsverbandes Deutschland (HDE), des IT-Branchenverbandes BITKOM, des Bundesverbands des Versandhandels und sieben weiterer Verbände richtet sich an den Finanzausschuss des Bundestages und an die Deutsche Kreditwirtschaft.

Die unterzeichnenden Wirtschaftsverbände arbeiten im großen Umfang mit Lastschrifteinreichungen und fürchten, dieses Zahlverfahren nach dem 1. Februar 2014 nicht mehr in der bisherigen Form nutzen zu können.

Zum diesem Stichtag werden die nationalen bargeldlosen Zahlungsverfahren Überweisung und Lastschrift durch entsprechende SEPA-Verfahren ersetzt. So sieht es eine EU-Verordnung vor, mit der der einheitliche europäische Zahlungsverkehrsraum, die Single Euro Payments Area, in 32 Ländern Europas vollendet werden soll.

Übergangsfrist für die Internetlastschrift gewünscht


"Die Verbände der Lastschrifteinreicher sehen Nachholbedarf in der Ausgestaltung der SEPA-Lastschriftverfahren. Insbesondere die faktische Anforderung eines papierhaften Mandats zum Lastschrifteinzug wendet sich gegen heutige Anforderungen im E-Commerce", heißt es in der Erklärung.

Da die deutsche Kreditwirtschaft bislang kein elektronisches Mandat für SEPA-Lastschriften anbietet, wäre die Einreichung von Lastschriften nach dem 1. Februar 2014 nur noch mit einem Stück Papier möglich auf der sich die Unterschrift des jeweiligen Kunden befindet. Ermächtigungen zum Einzug von Geldern per Telefon oder Internet könnten nicht mehr in der gewohnten Art erfolgen.

"Das bei Verbrauchern und Onlineshop-Betreibern beliebte Bezahlen mittels Lastschrift müsste durch andere, in der Regel teurere Zahlungsweisen ersetzt werden - etwa durch Kreditkarten", kritisieren die Verbände.

Sie fordern daher im SEPA-Begleitgesetz eine Übergangsfrist für Internetlastschriften bis zum 1. Februar 2016 festzuschreiben. Eine solche Schonfrist für etablierte nationale Zahlmethoden hat der HDE bereits für das kartengestützte Lastschriftverfahren (ELV) erreichen können.

Appell an die Kreditwirtschaft


Darüber hinaus appellieren die Verbände an die deutsche Kreditwirtschaft, alternative Verfahren zu entwickeln, um die Lastschriften sowohl im stationären Handel als auch im Internet unter SEPA-Bedingungen zu ermöglichen.

"Die Kreditwirtschaft muss endlich einlenken und aktiv werden, damit das hocheffiziente und für die Kunden sichere deutsche Lastschriftverfahren an der Ladenkasse und im Internet nicht dem bürokratischen Monster der SEPA-Lastschrift zum Opfer fällt", fordert Ulrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte im HDE.

Nach einer Umfrage des Forschungsinstituts ibi research unter Onlineshop-Betreibern gehört die Lastschrift nach dem Rechnungskauf, der Vorkasse (Überweisung) und PayPal zu den am häufigsten genutzten Bezahloptionen. 39 Prozent der kleinere und 58 Prozent der großen Internethändler bieten die Lastschrift im Checkout an.

Nach einer aktuellen Umfrage des Branchenverbands BITKOM nutzen 46 Prozent aller Online-Einkäufer das Lastschriftverfahren. Damit liege das Lastschriftverfahren sogar an dritter Stelle der am meisten genutzten Zahlungsmethoden hinter der Rechnung mit 58 Prozent und Online-Bezahldienstleistern wie PayPal mit 52 Prozent.

Insbesondere für wiederkehrende Zahlungen - Stammkunden und Abonnements - wird das Verfahren häufig im E-Commerce eingesetzt - beispielsweise auch von der Deutschen Bahn.

"Die Verwirrung ist maximal. Derzeit kann niemand sagen, wie die SEPA-Verfahren konkret ausgestaltet werden und wie in der Praxis mit der Problematik umgegangen wird", kommentiert Mirko Hüllemann, Geschäftsführer des Payment Service Providers Heidelpay, die aktuelle Situation im Gespräch mit derhandel.de.

Viele Fragen zur SEPA-Umstellung sind offen


"Neben der Frage, ob das Fehlen einer Unterschrift auf Papier auch künftig im Online-Handel wie bisher geduldet wird oder nicht, müssen Internethändler und andere Unternehmen bis zum Stichtag die Umstellung der Dateiformate von DTAUS zu XML bewerkstelligen", so Hüllemann. Neue Daten wie Gläubigeridentifikationsnummer, Mandatsreferenz, Transaktionstyp und -rhythmus müssten hierzu in maschinell konvertierbarer Form bereitgestellt werden.

Kaum ein Unternehmen, das Lastschriften nutzt, ist bislang auf diese Umstellungen vorbereitet. Lediglich die GEZ hat nach Informationen von derhandel.de bereits Testläufe für die SEPA-Lastschriften mit IBAN und BIC durchgeführt. Selbst ausländische Banken, die die SEPA-Verfahren im Grunde seit Ende 2010 beherrschen müssen, können entsprechende Einreichungen nicht fehlerfrei verarbeiten, wie man aus Kreisen der Kreditwirtschaft hört.

Mirko Hüllemann jedenfalls fällt ein klares Urteil über die SEPA-Lastschrift: "Für den deutschen Händler ist sie ein Graus und keine Verbesserung. Die Lastschrift funktionierte in Deutschland tadellos. Es ist so, als würde man in seinem Computer einen Fön einbauen, der den Chip anbläst, sodass man langsamer arbeiten muss", so der Heidelpay-Geschäftsführer.

Allerdings glaubt Hüllemann auch, dass es eventuell eine ganz unbürokratische Lösung des Unterschriften-Problems geben wird: "Die Banken könnten die Lastschrifteinreichungen einfach - wie bisher auch - ohne Unterschrift und papierhaften Beleg dulden und ausführen. Der Umstellungsaufwand für die neuen Formate und zusätzlichen SEPA-Daten bleibt aber dennoch bestehen."

In Deutschland werden nach Angaben des Deutschen Sparkassen und Giroverbandes (DSGV) rund 50 Prozent aller Lastschriften in Europa abgewickelt. Versicherungswirtschaft, Versorger und Spendenorganisationen nutzen Lastschriften in großem Umfang. Laut dem Bundesverband deutscher Banken (BdB) werden die Hälfte aller bargeldlosen Zahlungsverkehrstransaktionen in Deutschland per Lastschrift abgewickelt.

In anderen europäischen Ländern kennt man die unkomplizierte Abbuchung vom Kundenkonto in dieser Form bisher kaum oder gar nicht. Für Briten ist es beispielsweise nicht unüblich, die Stromrechnung per Kreditkarte zu begleichen. Franzosen zahlen hingegen gerne mit Scheck oder Wechsel und kennen den "elektronischen Wechsel" (LCR - lettre de change relevé), der ihnen ein Höchstmaß an Sicherheit bietet.

Solche nationalen Sonderlocken will SEPA im Interesse des einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraums beseitigten. Zur Single Euro Payments Area gehören 26 EU-Ländern sowie Island, Liechtenstein, Norwegen, Monaco und die Schweiz.

Hanno Bender

Die Zahlungsverkehrsexperten des Regensburger Forschungsinstituts ibi research haben eine SEPA-Checkliste für Unternehmen zusammengestellt, die Sie hier herunterladen können. Sehr detailliert informieren auch die Internetseiten des SEPA-Spezialisten Hans-Rainer van den Berg über die Herausforderungen der Umstellung.

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