Finanzen & Karriere

BARGELDLOGISTIK | 13.03.2010

Die Angst vor einem zweiten Heros-Fall

Mit Argusaugen beobachtet der Einzelhandel die aktuellen ­Turbulenzen in der Geld- und Werttransportbranche. Ist die Bargeldlogistik der Branche sicher?

Die Geld- und Wertlogistiker stehen aktuell unter besonderer Beobachtung. (Foto: SecureLog)

Die Geld- und Wertlogistiker stehen akutell unter besonderer Beobachtung.

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Bei manchen ist die Erinnerung auch nach vier Jahren noch frisch wie eine offene Wunde: "Das Datum 17./18. Februar 2006 hat sich in meinem Kopf fest eingebrannt", sagt Norbert Knop. Für den Geschäftsführer des EKV Einkaufsverbunds sind die Tage unvergesslich, in denen das Betrugskarussell beim Geldtransporteur Heros zusammenbrach.

Der Douglas-Konzern, für den die EKV sämtliche Dienstleistungen einkauft, verlor durch die Heros-Insolvenz 11,2 Millionen Euro - die Einnahmen von zweieinhalb Tagen. Die Rewe-Gruppe büßte mehr als 150 Millionen Euro ein. Insgesamt wurden beim damaligen Marktführer der Geld- und Wertlogistik Kundengelder in Höhe von 350 Millionen Euro veruntreut.

Ob die Versicherungen für die Schäden aufkommen, ist noch immer Gegenstand zahlreicher Gerichtsverfahren. Eine Zwischenbilanz fällt eher zugunsten der Assekuranzen aus.

Unter die Lupe genommen


"Wir haben aus dem Fall Heros viel gelernt", bekräftigt Knop im Gespräch mit Der Handel. "Heute schauen wir sehr genau hin, wen wir beschäftigen." Viele große Handelsunternehmen lassen sich die Angebotskalkulation und die Jahresabschlüsse ihrer Geld- und Werttransporteure offenlegen und schicken auch schon mal unangemeldet Wirtschaftsprüfer vorbei, erläutert der Douglas-Manager.

Rewe, Hornbach und Globus setzen zusätzlich auf einen externen Dienstleister, der den Weg des Geldes mit Hilfe von Barcodes oder RFID-Technik lückenlos überwacht. "Unser Monitoring bringt Licht in die Prozesse im Geldtransport", sagt Michael Hohlfeld, Produktmanager der Alvara Cash Management Group. "Die Händler können jederzeit am Bildschirm nachverfolgen, wo sich ihre Geldbehältnisse gerade befinden."

Zusätzlich schlägt das System automatisch Alarm, wenn es zu Auffälligkeiten kommt. 5.000 Rewe-Filialen sind bei Alvara angeschlossen. Die Deutsche Bahn setzt die CashEDI-Software der Leipziger ebenfalls ein, um einen Überblick über ihre Bargeldströme zu behalten.

Freilich ist es nicht jedermanns Sache, einem Dritten Einblick in die Tagesumsätze zu geben. Norbert Knop etwa verschafft sich seine Informationen lieber selbst. „Der Arbeitskreis Bargeld des HDE leistet wertvolle Unterstützung. Und seit Heros gibt es darüber hinaus einen intensiven Austausch mit den Kollegen aus anderen Handelsunternehmen", betont Knop. "Auch wenn wir Konkurrenten sind: Beim Thema Bargeld informieren wir uns über die kleinste Auffälligkeit."

Mit Geld ist kein Geld zu verdienen


Aktuell haben die Verantwortlichen ihre Antennen ganz weit ausgefahren. Bei Thema Bargeldlogistik ist der Einzelhandel ein gebranntes Kind - und das Feuer schwelt schon wieder. Denn ein Kernproblem ist seit 2006 nicht gelöst: Mit dem Transport von Bargeld ist in Deutschland kein Geld zu verdienen.

Der aktuelle Marktführer der Branche, die Firma SecurLog, konnte im vergangenen Jahr eine Insolvenz nur durch den Abschluss eines Sanierungstarifvertrags abwenden. Das Unternehmen, das aus den Trümmern von Heros hervorging, spart in den nächsten zwei Jahren Personalkosten in Höhe von 9,2 Millionen Euro. "Ein Zeitfenster, um uns solide aufzustellen", sagt der Geschäftsführer Dr. Lothar Thoma im Interview mit Der Handel.

Weil es Gerüchte um den Bestand des Unternehmens und die Treue der Shareholder gab, habe man eine ganze Reihe von Kunden verloren. Mehrheitseigentümer von SecurLog sind der US-Finanzinvestor MatlinPatterson und die Investmentbank Goldman Sachs. Zu den Kunden, die ihre Aufträge bei SecurLog deutlich zurückführten, gehören beispielsweise die Deutsche Post und die Drogeriekette Rossmann. Nach eigenen Angaben beträgt der Marktanteil der Firma SecurLog derzeit 30 Prozent - zu Heros-Zeiten waren es mal 50 Prozent.

Aus den Abwanderungen bei der Nummer eins konnte die Nummer zwei jedoch kein Profit schlagen: Die Firma Unicorn erhöhte zwar ihre Umsätze im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf 57 Millionen Euro, wie das Unternehmen mitteilt. Auf Anfrage von Der Handel bestätigt der Geschäftsführer Niels Henrik Faergemann jedoch Marktgerüchte, laut denen Unicorn 2009 rund 700.000 Euro Verluste geschrieben habe. "Der Jahresabschluss ist noch nicht fertig gestellt, aber die genannte Größenordnung ist realistisch", heißt es aus Hannover.

"Vielen steht das Wasser bis zum Hals"


Friedrich P. Kötter (Kötter Geld- & Wertdienste)

"In der Branche herrscht ein ruinöser Wettbewerb", sagt Friedrich P. Kötter.

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"Wir verfolgen das Geschehen mit Argusaugen, vielen Unternehmen in der Branche steht das Wasser bis zum Hals", sagt ein Handelsmanager, der lieber nicht zitiert werden möchte. Um sich gegen den plötzlichen Ausfall eines Dienstleisters abzusichern, schließen viele Händler Back-up-Verträge mit Wettbewerbern ab.

Seit der Euro-Einführung leiden die Geldlogistiker unter Überkapazitäten und einer ruinösen Preispolitik. Durchschnittlich zahlen Händler und Banken für einen Stopp zwischen zwölf und 20 Euro. Die Kosten für die Anlieferung oder Abholung des Bargelds durch ein Panzerfahrzeug liegen aber oftmals höher.

Quersubventionierung zwischen Überwachungs- und Transportdiensten sowie Lohndumping sind in dem hochsensiblen Wirtschaftsbereich gang und gäbe. „In der Branche herrscht in vielen Bereichen nach wie vor ein ruinöser Wettbewerb", räumt Friedrich P. Kötter, Inhaber des gleichnamigen Sicherheitsdienstleisters, gegenüber Der Handel ein.

Gegenseitig werfen sich die Geld- und Wertlogistiker Lohndumping vor. Seit dem Abschluss des Sanierungstarifvertrags bei SecurLog wird der Streit in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Die Auseinandersetzung gipfelt in Spiegelfechtereien um Qualitätsstandards und Zertifizierungsverfahren über die Brancheninsider nur schmunzeln.

Ein-Mann-Logistik als Ausweg aus der Misere


Einen Ausweg aus der Profilitabilitätsmisere erhofft sich SecurLog-Chef Thoma durch die Umstellung auf die Ein-Mann-Logistik bei den Geldtransporten. Spezielle Koffersysteme sowie sogenannte Soft-Cars sollen die teuren Panzerfahrzeuge mit ihrer Zwei-Mann-Besatzung ersetzen.

Wenn der Koffer gestohlen wird oder die vorgegebene Route verlässt, zerstört Tinte das mitgeführte Bargeld. "Ich halte das Konzept für hochinteressant", sagt Douglas-Mann Knop. "In Schweden wird diese Technologie bereits erfolgreich eingesetzt. Die Kosten lassen sich auf diese Weise ohne Sicherheitsverluste erheblich reduzieren."

Ob die Ein-Mann-Logistik allerdings SecurLog aus der Krise führt, halten einige Branchenexperten für fraglich: "Das wird seit 15 Jahren diskutiert", entgegnet Dr. Harald Olschok, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Geld- und Wertdienste (BDGW). Andere sehen bei dem Thema eher Newcomer wie die Firma All Service im Vorteil, die seit zwei Jahren mit den sicheren SQS-Koffern unterwegs ist - unbelastet von Altfahrzeugen und anderen Überkapazitäten.

Das Bargeld-Recycling


Eine neue lukrative Ertragsquelle könnte sich für die Geld- und Wertlogistiker durch das sogenannte Bargeld-Recycling eröffnen. Die Bundesbank strebt an, zukünftig nur noch einen Anteil von 50 Prozent des Bargeldumlaufs zu bearbeiten. Die Zahl der Cashcenter, in denen Banknoten und Münzen von der Bundesbank angenommen oder ausgegeben werden, reduziert sich daher kontinuierlich - von aktuell 47 auf 35 Filialen bis 2015.

Im Gegenzug erlaubt das neue Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) privaten Dienstleistern, Banknoten und Münzen nach einer Prüfung auf Echtheit ohne Einbindung der Bundesbank wieder in den Umlauf zu bringen.

Quelle: Ascopert GmbH

Heros war nur der größte von vielen Betrugsfällen.

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"Das ZAG wird zu einer Spaltung der Branche führen", sagt Henry Konhäuser, Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Ascopert. Denn für das private Bargeld-Recycling ist eine aufwendige Zulassung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erforderlich. Die Anforderungen an Eigenkapital, Buchhaltung und Kontrollen sind hoch. Bestenfalls die Top 5 der Branche - Securlog, Unicorn, Kötter, Brink's und Ziemann - werden sie erfüllen können, meinen Beobachter.

Internationales Preisniveau als Ziel


"Wir werden uns diesem Zertifizierungsverfahren unterziehen und die notwendigen Investitionen stemmen", kündigt Friedrich P. Kötter, Geschäftsführer von
Kötter Geld- & Wertdienste gegenüber Der Handel an. "Einhergehend mit den neuen Qualitätsanforderungen werden die Preise für die Dienstleistungen in der Bargeldlogistik steigen und sich damit stärker an das internationale Preisniveau annähern, das im Ausland sehr viel höher ist als in Deutschland", so der stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbandes BDGW.

Die Handelsunternehmen fürchten das private Cash-Recycling allerdings wie der Teufel das Weihwasser. "Der Einzelhandel ist nicht bereit, die eigenen Bareinnahmen einem privaten Dienstleister zur Weiterbearbeitung zu überlassen", sagt Ullrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte im HDE.

Durch die physische Vermischung der Gelder in den Zählzen­tren entstehen neue Sicherheitsrisiken in einem ohnehin schon schwierigen Umfeld, so die vorherrschende Meinung. Bei vielen Entscheidern im Handel ist die Heros-Erfahrung noch zu frisch.

Hanno Bender

Dieser Artikel erschien leicht abgewandelt in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel. Zum Probeheft geht es hier.

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