Technik & Web

BARGELD-HANDLING | 16.01.2011

Hohe Bargeldkosten für den Einzelhandel

Die Barzahlquote liegt in Deutschland bei knapp 60 Prozent. Doch die Automatisierung des Bargeldhandlings an den Kassen des Einzelhandels steckt noch in den Kinderschuhen.

Foto: Bert Bostelmann

Bargeld lacht - aber der Handel kann nicht mitlachen.

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Cash ist unerwünscht bei Marqt in Amsterdam. Der niederländische Lebensmittelhändler gestattet seinen Kunden ausschließlich bargeldlose Bezahlung - ein zwar noch seltenes, aber durchaus machbares Geschäftskonzept in unserem Nachbarland.

Denn generell sind es die Holländer gewohnt, ihre Bons überwiegend per Karte zu begleichen. Die Quote unbarer Bezahlung liegt bei über 70 Prozent. Gleiches gilt für die Dänen, Schweden, Norweger und Finnen. Kontrastprogramm: In Italien, in Griechenland und in den meisten osteuropäischen Ländern wird zu über 70 Prozent bar bezahlt.

Deutschland bewegt sich im unteren Mittelfeld. Immerhin wurde vor Jahresfrist die 40-Prozent-Hürde genommen: Nach Untersuchungen des EHI Retail Institutes in Köln stieg der auf unbare Zahlungen entfallende Umsatzanteil im deutschen Einzelhandel im Jahr 2009 auf 40,9 Prozent. Bis die 50er-Marke geknackt ist, wird es jedoch noch viel Zeit brauchen. Der Handel, insbesondere im Bereich der „Fast Moving Consumer Goods", muss sich auf dauerhaft hohe Barzahlungsquoten einstellen.

Poco rüstet auf


Das kostet viel Geld. Nach Berechnungen des European Payment Council  (EPC) betragen die bargeld­relevanten Kosten in Europa rund 50 Milliarden Euro jährlich, Schätzungen für den deutschen Einzelhandel gehen von rund 7 Milliarden Euro aus. Bei einem Einzelhandelsumsatz von 550 Milliarden Euro bedeutet das: Von jedem eingenommenen Euro muss mehr als ein Cent für das Handling aufgewendet werden.

Das richtet den Blick auf technische Lösungen. „Eine Automatisierung führt zu deutlich smarteren Prozessen", beobachtet Dr. Friedhelm Rudolph, Prokurist und Leiter der IT und des Controllings bei Poco Domäne, mit 85 Einrichtungshäusern in Deutschland vertreten. Mit der Installation der Cash-Automaten startete das Unternehmen Ende 2008 in der Filiale Hannover. Beide Kassenplätze des 7.000-Quadratmeter-Hauses sind mit Cash-Automaten bestückt - nur in Stoßzeiten werden Nebenkassen geöffnet, an denen konventionell kassiert wird.

Zwischenzeitlich folgten die Filialen in Monheim und Essen, in diesem Jahr sollen weitere 15 bis 20 Häuser umgerüstet werden. Die Prozesse sind von der Kasse bis zur Übernahme durch den Werttransporteur voll automatisiert. „Unter dem Strich bringt die Technik eine enorme Arbeitserleichterung für die Mitarbeiter, damit eine Zeit- und Kostenersparnis sowie eine hohe Abrechnungssicherheit für das Unternehmen", so Rudolph.

Gute Erfahrungen


Auch andere Handelsbetriebe mit Erfahrung bei der Cash-Automatisierung wissen Positives zu berichten. Die Bünting Beteiligungs AG in Leer zum Beispiel hat in ihren Famila-Märkten inzwischen 80 Kassenautomaten im Einsatz und will in diesem Jahr noch zulegen. Maike Kromminga von Bünting: „Wir machen gute Erfahrungen und sehen die Vorteile vor allem beim Thema Sicherheit und bei den Schichtwechseln, bedingt durch längere Öffnungszeiten."

Berührungsängste der Kunden, so Kromminga, sind nicht zu beobachten. Das bestätigt auch Frank Domann. „Cash-Automaten werden sowohl für das Kassenpersonal als auch für die Kunden zur Normalität", so der Shell-Projektleiter. Die deutsche Shell AG rüstet rund 1.300 Stationen mit der Technik aus.

Die Konkurrenz unter den Tankstellenbetreibern beobachtet dies aufmerksam. Bruno Daude-Lagrave, Direktor Tankstellen bei der Total Deutschland GmbH: „Selbstverständlich interessieren wir uns für solche innovative Lösungen und beobachten diese Option mittelfristig."

Gleiches gilt für andere Handelsbetriebe. Alexander Neher, IT-Ressortleiter beim Getränke-Fach­handelsfilialisten Trinkgut GmbH: „Spannendes Thema - wenn die Schnelligkeit am Checkout verbessert und die gesamten Bargeldprozesse optimiert werden, ist diese Technik auch für Getränkeabholmärkte interessant." Mangelnde Kundenakzeptanz fürchtet Neher nicht, wenn die Bezahlung einfach und schnell abläuft und damit Wartezeiten minimiert werden.

Skepsis im Modehandel


Nicht wesentlich mehr als 2.000 Einheiten der Cash-Automaten dürften zurzeit an den Checkouts deutscher Händler ihren Dienst verrichten. Hersteller Gunnebo hat rund 700 (unter anderem bei Bünting), Hersteller Scancoin rund 400 (vorwiegend bei Rewe) und Wincor Nixdorf rund 1.200 (bei Shell) der Geräte installiert. Insbesondere das Shell-Projekt erzeugt viel Aufmerksamkeit und könnte neue Dynamik in die Cash-Automatisierung bringen - vorwiegend in den FMCG-Branchen mit ihren vielen Bons und ihren hohen Barzahlungsquoten.

Wenig interessant dagegen ist die Technik zum Beispiel für den Modehandel. „Checkout-Automatisierungs-Lösungen kann ich mir in unserem Unternehmen nur schwer vorstellen", erklärt Frank Eischet, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Strauss Innovation.

Das liegt auch an den Ladenlayouts: Im Modehandel müssen Kunden meist nicht unbedingt an den Kassen vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. „Das damit zusammenhängende Risiko deutlich höherer Inventurdifferenzen, außerdem die hohen Investitionsbeträge" bilden für Eischet die wesentlichen Restriktionen.

Vor dem tiefen Griff ins Investitionsbudget schrecken auch andere Händler zurück, nur: Die hohen Bargeld-Handlingkosten schmerzen. Und weil die Kunden auch künftig überwiegend in bar bezahlen wollen, sind Alternativen rar.

Klaus Manz

Dieser Artikel ist in der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfeies Probeexemplar erhalten Sie hier.

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