Technik & Web

E-COMMERCE | 05.05.2011

Bei Manomama kennt man den Näher mit Namen

Das junge Augsburger Unternehmen Manomama produziert ökosoziale Kleidung und setzt beim Marketing ganz auf Soziale Medien. Die Kunden gehören fast schon zur Familie.

Will die Welt verbessern: Manomama-Gründerin Sina Trinkwalder. Foto: Thomas Fedra

Will die Welt verbessern: Manomama-Gründerin Sina Trinkwalder. Foto: Thomas Fedra

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Es gibt, vorsichtig ausgedrückt, vielversprechendere Ideen, ein Unternehmen zu gründen als die von Sina Trinkwalder. Die Onlineexpertin, die 1999 mit gerade 21 Jahren eine Agentur für Marken und Medien gründete, investierte mitten in der Wirtschaftskrise ihre gesamte Altersvorsorge, um ökosoziale Kleidung am totgesagten Textilstandort Augsburg zu produzieren.

Denn Sina Trinkwalder hat mit Manomama.de eine Vision: Sie will die Welt ein bisschen besser machen. Gründungskapital über Banken zu bekommen war bei diesem Unterfangen erwartungsgemäß aussichtslos: "Die dachten, ich bin völlig verrückt", erinnert sich die Jungunternehmerin.

Aber letztlich sei die Ablehnung der Banken sogar gut gewesen und habe die Glaubwürdigkeit von Manomama gestärkt: "Ich gehe mit dem Geld ganz anders um, denn sonst ist ja meine Altersvorsorge futsch. Venture Capital hingegen kann man verballern, und wenn es dann nicht klappt, passiert auch nichts weiter."

Umgekehrte Diskriminierung


Personal suchte sich die soeben mit dem Preis "e-Star 2011" in der Kategorie Fashion ausgezeichnete Unternehmerin, indem sie die üblichen Kriterien auf den Kopf stellte: "Wer jünger als 40 war, brauchte sich gar nicht zu bewerben", berichtet sie. "Alleinerziehende Mütter und Väter sind hochwillkommen. Migrationshintergrund wird auch gerne gesehen."

Der Bestandteil "Öko" von ökosozial bedeutet bei Manomama, dass die Kleidung komplett ökologisch ist, also vom Faden über die Knöpfe bis hin zu den Stoffen. Leder wird pflanzlich gegerbt. "Unsere Materialien kommen nicht aus Indien oder China, sondern aus einem Umkreis von 250 Kilometer um Augsburg", erläutert Trinkwalder. "Wir wollen, dass die Kleidung möglichst lange hält. Wenn ein Kunde sie irgendwann entsorgen will, kann er sie auf den Kompost werfen."

Außerdem belebt Manomama alte Handwerkstraditionen wie Weben und Spinnen wieder neu: Das Know-how der Traditionshandwerker ist für Trinkwalder ein unschätzbares Kulturgut: "Leider gibt es immer weniger Menschen, die sie beherrschen. Die sterben langsam aus."

Kein Geld für Werbung


Der 11. April 2010 war der erste Tag, an dem Manomama in der fast 400 Jahre alten Augsburger Produktionsstätte die Nähmaschinen anwarf. Weil sie nach der Investition in die Produktion und den Webshop kein Geld mehr für Werbung übrig hatte, setzt die Jungunternehmerin auf Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook, um ihre Idee der ökosozialen Kleidung zu verbreiten.

Dort wie auch in ihrem Blog ist Transparenz das oberste Gebot, was beispielsweise die Herkunft der Ware oder die Preiszusammensetzung inklusive der übertariflichen Löhne angeht. Noch vor dem ersten Produktionstag gingen auf diese Weise mehrere tausend Vorbestellungen aus ganz Deutschland ein.

Produziert wird in Augsburg, wenn die Bestellung eingeht. Farbe und Schnitt können individuell zusammengestellt werden. "Auch bei der Größe gibt es bei uns nichts, was es nicht gibt", erläutert Trinkwalder. "Bei Hemd- oder Ärmellänge beispielsweise richten wir uns danach, wie der Mensch aussieht und nicht, was die Norm der Bekleidungsindustrie sagt."

Produziert wird in Augsburg mit Materialien, die allesamt aus dem Umkreis stammen. Foto: Manomama

Produziert wird in Augsburg mit Materialien, die allesamt aus dem Umkreis stammen.

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Der Name der Näherin steht übrigens auf jedem „sauberen Etikett", damit der glückliche Manomama-Kunde ihr auf der Homepage ein kleines Dankeschön hinterlassen kann. Als Lieferzeit für die Maßanfertigungen geben die Manomamas zehn bis vierzehn Tage an. "Meist geht es schneller, aber dann freuen sich die Kunden umso mehr, wenn sie ihre Sachen früher haben."

41.000 Tweets


Sina Trinkwalder twittert alles, was sie beschäftigt und erlebt - und zwar seit dem Notartermin zur Firmengründung. Inzwischen hat sie mehr als 41.000 Tweets abgesetzt. Bei Twitter folgen ihr knapp 5.500 Menschen, bei Facebook sind es rund 2.000.

Und das Netzwerk funktioniert: Als nach einem Unwetter ein Dachschaden mitten in der Julihitze den Winterstoff unter Wasser setzte, schaffte sie es, die Community zu mobilisieren. Binnen 24 Stunden fanden sich 200 Kunden, die sich den feuchten Sweatstoff zu Jacken vernähen und sofort zuschicken ließen.

"Noch heute sind die Kunden stolz darauf, eine solche Dachschaden-Jacke zu haben", berichtet Trinkwalder. „Und uns würde es nicht mehr geben, wenn die Kunden nicht eingesprungen wären. Denn die Versicherung fühlte sich für so was nicht zuständig."

Als sie Taschen ins Sortiment nehmen wollte, ließ sie ihre Kunden Bilder von den Dingen machen, die sie in ihrer Tasche haben, auf der Seite menschenzweinull.de hochladen und startete einen Dialog, wie der Mensch wohl einzuschätzen sei, dem diese Dinge gehören. Neben dem Mitmachspaß erfuhr sie ganz nebenbei, wie eine Tasche beschaffen sein muss, um ihren Kunden zu gefallen. Inzwischen ist menschenzweinull.de in die zweite Runde gestartet.

Null Retouren


Die Retourenquote liegt bei null Prozent. "Zum einen gibt es inzwischen Manomamas, die sich die Kunden nach Hause einladen können. Die helfen dann beim Maßnehmen und haben Stoffmuster und Beispielprodukte dabei", berichtet Trinkwalder. "Zum anderen finden wir immer eine Lösung, wenn etwas nicht passen sollte."

Sie erinnert sich da zum Beispiel an eine Jacke, deren Ärmel dann der Bestellerin doch etwas zu kurz waren. "Aber sie fand über den Blog eine Kundin, der die Jacke passte. Und so hatten wir mit der Abwicklung gar nichts mehr zu tun, das haben die beiden Kundinnen selbst geregelt."  

Sybille Wilhelm

Der Artikel erschien in der Ausgabe 1 / 2011 von Online Handel. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.

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