Technik & Web

KARTENZAHLUNG | 11.01.2012

Mit girogo zahlt die Geldkarte kontaktlos

Die deutsche Kreditwirtschaft bricht ins Zeitalter der kontaktlosen Kartenzahlung auf und startet ab April mit zahlreichen Einzelhändlern ein Pilotprojekt für die NFC-Technologie. Die Händler haben noch Verbesserungswünsche.

Foto: BVR

Mit girogo soll das Bezahlen schneller und bequemer werden.

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Unter dem Marken- und Akzeptanzzeichen girogo führt die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) - wie bereits gemeldet - das kontaktlosen Bezahlen mit Bank- und Sparkassenkarten ein. Das gab die Spitzenorganisation der deutschen Bankenverbände heute auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main bekannt.

Drei Vertreter der Kreditwirtschaft und Wolfgang Mücher, Geschäftsführer der Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover, stellten sich den Fragen der Journalisten zu der kontaktlosen Geldkarte, die das Bezahlen im Kleinbetragsbereich im Einzelhandel revolutionieren könnte.

"Ab dem 17. April startet im Großraum Hannover-Wolfsburg-Braunschweig das größte europäische Pilotprojekt zum kontaktlosen Bezahlen", erläuterte Andreas Martin, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

Zahlen mit der Karte im Vorbeigehen in Sekundenschnelle


Auf Basis des bereits 1996 eingeführten Geldkarten-Systems geben die Volksbanken in den nächsten Monaten rund 150.000 VR-BankCards in der Region aus, die mit der so genannten "Near Field Communication"-Technologie ausgestattet sind. Sie ermöglicht die Bezahlungen mit der EC-Karten bis zu einem Höchstbetrag von 20 Euro im Vorbeigehen - ohne Einstecken der Karte in ein Terminal und ohne PIN-Eingabe.

Die Sparkassen-Finanzgruppe beteiligt sich mit 1,3 Millionen SparkassenCards an dem Gemeinschaftsprojekt. Auf Seiten des Handels nehmen Edeka, die Douglas Holding mit sämtlichen Vertriebslinien, dm-drogeriemarkt, die Esso-Tankstellen und Famila (Bartels-Langness) an dem Feldtest teil. Und auch die Fastfood-Kette McDonald's ist mit von der Partie.

Die Kunden müssen die Karten mit Guthaben aufladen, was künftig unter anderem auf Wunsch auch per Abonnementlösung direkt an der Ladenkasse erfolgen kann.

"Unsere Institute sind davon überzeugt, dass der NFC-Technologie die Zukunft gehört, daher haben die Sparkassengremien sich bereits heute entschieden, in den nächsten Jahren bundesweit alle 45 Millionen Sparkassen-Karten mit dieser Technik auszurüsten", sagte Werner Netzel, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV).

Privatbanken beobachten und rechnen noch


Quelle: Deutsches Patent und Markenamt

Girogo, go, go - die GeldKarte startet einen zweiten Anlauf.

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Die Privatbanken geben zunächst keine eigenen Karten heraus, beobachten den Piloten jedoch "aufmerksam und beteiligen sich an den Entwicklungskosten", betonte Dr. Hans-Joachim Massenberg, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), für die privaten Großbanken. Jede Bank müsse für sich selbst kalkulieren, ob sich die girogo-Einführung lohne.

BVR und DSGV geben rund 80 Prozent aller rund 90 Millionen deutschen Girocards (früher: EC-Karten) heraus. Ab welchem Transaktionsvolumen sich das neue Kartensystem mit einem für den Handel attraktiven Gebührenmodell für die Institute rechnet, dazu wurden keine Angaben gemacht.

Einzelhandel in die Entwicklung mit eingebunden


"Ich freue mich darüber, dass der Handel von der Kreditwirtschaft von vorneherein bei der Entwicklung dieser neuen Zahltechnologie mit eingebunden wurde", bekräftigte Wolfgang Mücher von der Edeka Minden-Hannover, die sich mit 250 Märkten und rund 1.000 Kassen an dem Praxistest beteiligt.

"Der Kassiervorgang wird durch die kontaktlose Zahlung für den Kunden deutlich vereinfacht und erheblich beschleunigt", sagte Mücher. Der Kunde könnte daher künftig an der Supermarktkasse häufiger zur Karte und seltener zum Bargeld greifen, was im Sinne der Händler sei.

Bargeld als "gewichtiges Problem" im Handel


"Wir bewegen in unseren Märkten täglich Tonnen an Bargeld und die Bundesbank hat die Bargeldlogistik im vergangenen Jahr noch einmal verteuert", so Mücher. Man spräche im Handel nicht umsonst von der "Bargeldentsorgung".

Foto: Santiago Engelhard

Wolfgang Mücher, Edeka Minden-Hannover, will Bargeld mit girogo verdrängen.

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Edeka investiert in das Projekt 300 bis 350 Euro pro Kasse und erhält einen nicht näher bezifferten Investitionskostenzuschuss von der Kreditwirtschaft. Der Lebensmittelhändler setzt NFC-fähigen Lesegeräte von Hypercom (mit separat angeschossenem NFC-Reader) und Ingenico (mit integriertem NFC-Reader) ein. Netzbetreiber für die technische Abwicklung der Geldkartenzahlung ist hier die CardProcess aus dem genossenschaftlichen Finanzverbund.

Die Douglas Holding setzt auf eine Eigenentwicklung mit dem deutschen Terminalhersteller ICP und die B+S Card Service aus der Sparkassen-Finanzgruppe als Acquirer. Alle am Pilotprojekt teilnehmenden Händler ermöglichen auch das Aufladen der Guthabenkarte an ihren Kassen. Die Notwenigkeit des Aufladens gilt als kritischer Punkt, der einer breite Nutzung der Geldkarte bislang im Wege stand. Neue Lademöglichkeiten per Dauerauftrag, Online-Banking und Lade-App sollen dieses Problem künftig entschärfen.

Edeka vermutlich bald mit bundesweiter girogo-Akzeptanz


"Auf Dauer wird sicherlich alles was blau-gelb ist girogo akzeptieren", sagte Mücher auf die Frage, ob innerhalb der Edeka auch über eine bundesweite Akzeptanz der kontaktlosen Karten nachdacht werde. Am gestrigen Dienstag habe man das Projekt vor 300 selbstständigen Edeka-Kaufleuten in Minden vorgestellt und sei auf eine sehr positive Resonanz gestoßen.

Die genossenschaftliche Struktur des Handelsunternehmens steht einheitlichen IT- und Kassenlösungen häufig im Wege. Den gruppeneigenen Discounter Netto klammerte Mücher allerdings explizit von den girogo-Überlegungen aus.

Lediglich 25 Prozent aller Zahlungen liegen bei der Edeka Minden-Hannover unter dem Grenzwert für das kontaktlose Zahlen, der 20 Euro beträgt. Der Durchschnittsbon in dieser Edeka-Region liegt bei 22 Euro, daher wünscht sich Mücher grundsätzlich eine höhere Betragsgrenze für das Prepaid-Verfahren. Bislang plant die Kreditwirtschaft das Zahlen per "Tap&Go" aber nur bis zu der 20-Euro-Grenze zuzulassen, für darüber liegende Beträge ist zusätzlich die PIN-Eingabe erforderlich.

Es gibt aus Sicht des Handels noch Verbesserungsbedarf


Es gibt bei den Banken jedoch bereits Überlegungen die Betragsgrenze zu erhöhen, sobald die Verbraucher sich an das Verfahren gewöhnt haben. Olaf Schrage, IT-Chef der Douglas Holding, wünscht sich von der Deutschen Kreditwirtschaft im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Der Handel ebenfalls noch einige Verbesserungen für den konkreten Zahlungsablauf mit der kontaktlosen Geldkarte.

Girogo: Die Karte an das Terminal halten genügt zur Zahlung. Foto: Michael Brinkmeyer

NFC-Technik macht es möglich: Es genügt, die Karte an das Terminal zu halten.

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Die Metro Group AG, der größte deutsche Handelskonzern, lehnt eine Beteiligung am Feldtest ab, da es sich bei girogo im Gegensatz zu den NFC-Verfahren der internationalen Kreditkartenorganisationen Paypass (Mastercard) und payWave (Visa) um eine nationale Insellösung der deutschen Kreditwirtschaft handele. Auch andere große Handelskette halten noch viele Fragen für ungeklärt und den Prozessablauf beim Aufladen an der Kasse noch für unausgegoren, blicken jedoch mit Spannung und Wohlwollen nach Hannover und warten, wie auch die Volks- und Raiffeisenbanken, die Ergebnisse des Feldtests ab.

NFC als Infrastruktur für neue Spieler im Zahlungsverkehr?


Auf die Frage, ob die deutsche Kreditwirtschaft mit der NFC-Technologie, die als Brückentechnologie zu mobilen Zahlungslösungen gilt, nicht eine Infrastruktur im Markt etabliere, die später von neuen Spielern im Zahlungsmarkt wie PayPal oder Google genutzt werden könne, gab Andreas Martin vom BVR ein klares Statement ab.

"Technologische Abgrenzung hat noch nie zum Erfolg geführt. Es gibt im Zahlungsverkehr keine Alternativen zu einem gemeinsamen Standard", sagte Martin. "Die deutsche Kreditwirtschaft hat 90 Millionen Karten aus funktionierenden Kundenbeziehungen im Markt und wir genießt das Vertrauen der Kunden. Wir haben keine Angst vor Wettbewerbern, deren Kerngeschäft nicht der Zahlungsverkehr, sondern der Verkauf von Kundeninformationen oder vitruellen Werbeflächen ist", betonte der BVR-Vorstand.

Hanno Bender


Mit dem Gemeinschaftsprojekt girogo der Deutschen Kreditwirtschaft und seinen Erfolgschancen im Handel setzt sich auch die aktuelle Titelgeschichte des Wirtschaftsmagazins Der Handel auseinander. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten sie hier.

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