Technik & Web

M-PAYMENT | 24.07.2011

Wie das Handy zum Geldbeutel wird

Smartphone-Nutzer wollen mit ihem Handy auch an der Ladenkasse zahlen. Welche Techniken und Anbieter sich aber im sogenannten "M-Payment" durchsetzen, ist noch völlig offen.

Foto: Google

Mit Google Wallet will der Internetgigant das Handy zur Geldbörse machen.

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Wer innovative Lösungen bei der Zahlungsakzeptanz an Deutschlands Kassen sucht, war in den vergangenen Jahren stets gut beraten, sich das Treiben der Tankstellen anzuschauen.

Die Kooperation zwischen Shell und Postbank in Sachen Geldautomaten gilt etwa als Musterbeispiel für eine effiziente Bargeldlogistik. Der Schwenk des Mineralölkonzerns BP mit seinen rund 2.500 Aral-Tankstellen zu einem kostengünstigen Mischverfahren aus Lastschrift- und Girocardzahlungen brachte das Gebührenkartell der deutschen Kreditwirtschaft nachhaltig ins Wanken (siehe auch Der Handel 11/2009).

BP setzt auf NFC-Technologie und PayPass


Vor wenigen Wochen kündigte BP nun an, sämtliche Tankstellen in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz für die kontaktlose Bezahltechnologie PayPass von Mastercard fit zu machen. Dazu werden in den nächsten zwei Jahren sämtliche Kartenterminals ausgetauscht und durch Geräte des deutschen Herstellers ICP ersetzt, die die "Near Field Communication"-Technologie (NFC) beherrschen.

Kartenzahlungen unter der Betragsgrenze von 25 Euro können damit an Aral-Tankstellen künftig im Vorbeigehen ohne Unterschrift oder PIN erledigt werden. "Tap & Go", nennt Mastercard sein Verfahren, bei dem nur für höhere Beträge eine zusätzliche Autorisierung erforderlich wird.

NFC als Brückentechnologie


BP stemmt die Investition aber nicht allein, um die Kleinbetragszahlungen zu beschleunigen. Der Aufwand hat noch einen anderen Hintergrund: Unter den Kreditkartenanbietern, Banken, Zahlungsdienstleistern und Terminalherstellern herrscht eine breite Einigkeit, dass die NFC-Technik eine Brückentechnologie ist, um auch Zahlungslösungen für das Handy an den Point of Sale zu bekommen.

Derzeit gibt es in Deutschland nur rund eine Millionen NFC-fähige Karten, aber es werden immer mehr: Auch die deutschen Sparkassen wollen ihre 45 Millionen EC-Karten in den nächsten vier Jahren mit der NFC-Technik ausstatten - langfristig steht auch hier die Absicht dahinter, den Zug zu mobilen Zahlungslösungen nicht zu verpassen.

Allerdings setzten Sparkassen, Mastercard und Visa auf unterschiedliche Hintergrundsysteme. Wer künftig eine NFC-fähige Geldkarte besitzt, muss deshalb noch lange nicht kontaktlos bei Aral zahlen können.

"Es ist noch nicht entschieden, ob wir auch die kontaktlose Geldkarte akzeptieren wollen", sagt Oliver Lücke, bei BP europaweit für den bargeldlosen Zahlungsverkehr verantwortlich, gegenüber Der Handel.

Auch Douglas setzt auf NFC-fähige Terminals


Dass sich Aral für Terminals des deutschen Herstellers ICP entschieden hat, sorgte gleich für Branchengerüchte, laut denen auch die gesamte Douglas-Gruppe demnächst kontaktlose Kartenzahlungen akzeptieren würde.

Als einer der wenigen Handelsunternehmen setzt Douglas ebenfalls die ICP-Geräte ein. Auf Anfrage von Der Handel wollte man sich in Hagen zunächst an derartigen "Spekulationen nicht beteiligen". (Inzwischen haben sich die Gerüchte bestätigt.)

Foto: ICP

Moderne Kartenterminals (hier von ICP) haben die NFC-Technik bereits "on bord".

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Wie Zahlungen mit dem Smartphone an der Ladenkasse per NFC-Technik funktionieren könnten, will Google aktuell in den Vereinigten Staaten zeigen. Ende Mai stellte der Internetgigant sein Projekt "Google Wallet" vor, mit dem Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android zur Geldbörse werden sollen.

Google Wallet ein Testballon


Mit an Bord ist alles, was Rang und Namen hat und zur Etablierung einer neuen Zahlungslösung erforderlich ist: eine große Privatkunden-Bank (Citi), eine Kreditkartenorganisation (Mastercard), ein Mobilfunkunternehmen (Sprint) und ein Zahlungsdienstleister (First Data).

Zu den Verbündenten zählen zudem Terminalhersteller (Verifone, Ingenico, Hypercom) und eine ganze Reihe von namhaften Handelsunternehmen wie die Warenhauskette Macy's, Bloomingdale, Foot Locker, Toys'R'Us und andere.

Die ersten Google-Wallet-Feldversuche sollen in New York und San Francisco stattfinden, wo bereits viele Handelsketten mit PayPass-fähigen Terminals ausgestattet sind.

Noch sind die Zahlungen nur mit einem einzigen Handy, dem Galaxy Nexus S, möglich - doch die NFC-Chips werden auf Smartphones der kommenden Gerätegenerationen vermutlich zur Standardausrüstung gehören.

PayPal contra Google

 
Die Ankündigung von Google Wallet schlug große Wellen und wurde vom Online-Zahlungsdienstleister PayPal umgehend mit einer Klage gekontert. Die eBay-Tochter wirft einem ehemaligen Mitarbeiter, der zu Google wechselte, Geheimnisverrat vor.

Denn auch PayPal will mit seinen Zahlungsdienstleistungen den Point-of-Sale erobern. Mit PayPal Mobile Express können bereits Zahlungen mit dem Smartphone in mobilen Webshops und innerhalb von Apps abgewickelt werden.

Den voraussichtlichen Umsatz in diesem mobilen Kanal für 2011 korrigierte die eBay-Tochter jüngst von zwei auf drei Milliarden US-Dollar. Aber PayPal will auch an die stationären Ladenkassen heran.

"Ob mit NFC, QR-Code oder Barcode - die Zugangstechnik ist uns gleichgültig", sagt PayPal-Deutschlandchef Arnulf Keese im Interview mit Der Handel. "Wir ermöglichen dem Handel die Zahlungslösung, die er braucht, da sind wir Technologie-Agnostiker", so Keese.

Mit mpass an den POS


Eine weitere Online-Zahlungslösung, die ebenfalls im Wettrennen um das Handy als Geldbörse antreten will, ist mpass. Mit rund 20 Millionen Vertragskunden bringen die Mobilfunker Vodafone, Telekom und E-Plus ein aussichtsreiches Kundenportfolio mit auf den Weg.

mpass ermöglicht in rund 30 Onlineshops wie Karstadt.de und Plus.de die Zahlung per SMS-Nachricht, und zwar für Vertragskunden ohne jeden Registrierungsaufwand. Prepaid-Kartenbesitzer können sich für den Dienst anmelden. Die Carrier wollen mit mpass an den POS und versprechen erste Pilotierungen in wenigen Monaten. Eine mittelständisch geprägte Elektronikkette zeigt dem Vernehmen nach bereits Interesse.

Als Zugangstechnologie für den Brückenschlag von Smartphone zur Kasse planen auch die Mobilfunker mit NFC-Terminals. Die Telekom experimentiert neben mpass auch noch mit der Integration der NFC-Technik auf der SIM-Karte.   

Welches System sich für die Zahlung mit dem Handy durchsetzt - oder ob verschiedene Lösungen gleichzeitig in den Markt kommen - ist derzeit noch völlig offen.

Händler, die über die Anschaffung neuer Kartenterminals nachdenken, sind jedoch offenbar gut beraten, sich Geräte anzuschauen, die NFC-Reader an Bord haben - oder zumindest per USB-Schnittstelle ins Schlepptau nehmen können.

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Der Handel im Rahmen des Special "M-Commerce" erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.

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