Technik & Web

PAYPAL WIRD EIGENSTÄNDIG | 30.09.2014

"Vielleicht wird Ebay der erste große Sanierungsfall im E-Commerce"

Der Handelsexperte Jochen Strähle über die Folgen der Trennung von Ebay und Paypal, die neue Dynamik im Markt von Bezahllösungen sowie die Fehler der Handelsplattform.

Onlinehandelsexperte Strähle

Onlinehandelsexperte Strähle: "Der Weg von Amazon war der bessere"

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Herr Professor Strähle, mit der Abspaltung der bisherigen Bezahltochter Paypal hat sich der neue Ebay-Großaktionär Carl Icahn durchgesetzt. Was bedeutet diese Entscheidung für den Markt?

Die Zeichen stehen klar auf Spezialisierung in den einzelnen Bereichen. Die großen Unternehmen aus dem E-Commerce sind in ihrer Struktur überholt. Entsprechend liest sich auch die Investoren-Präsentation von Ebay, in der deutlich steht, dass man sich auf das Kerngeschäft konzentrieren will, um agiler und schneller zu sein.

Was heißt das jetzt für Paypal?
Es werden ja auch Fragen nach dessen Verkauf gestellt. Dieser wird bisher von Ebay nicht bestätigt - aber auch nicht ausgeschlossen. Und dass ist ein Indiz dafür, dass man darüber nachdenkt.

Wen sehen Sie als möglichen Käufer?

Rund 70 Prozent der Paypal-Kunden sind keine Ebay-Nutzer. Das ist daher interessant für viele Käufer. Apple könnte gemeinsam mit seinem Bezahldienst zum Herrscher der Branche werden. Google kommt ebenfalls in Frage, denn deren Dienst Google Wallet ist alles andere als erfolgreich. Und schließlich ist ein Einsteigen der Plattform Alibaba denkbar, denn die Chinesen sind ja mit ihrem Dienst Alipay im asiatischen Markt schon erfolgreich.

Also könnte Alibaba Paypal nutzen für den Angriff auf den amerikanischen, mithin weltweiten Markt?
Richtig. Paypal hat etwa 150 Millionen Kunden weltweit. Diese Zahl nur mit Alipay zu erreichen, würde viel zu lange dauern. Daher wäre ein Zukauf von Paypal sinnvoll, nicht zuletzt auch deswegen, weil der Name als weltweite Marke bekannt ist.

Erwarten Sie, dass der Bezahldienstmarkt durcheinandergewirbelt wird?
Ganz sicher. Hier ist viel Geld zu verdienen. Der Markt besticht durch enorme Margen, bei Paypal wird von bis zu 60 Prozent Transaktionsmarge ausgegangen. In einer immer stärker digitalisierten Welt mit zunehmendem Anteil Mobile Payment gehören die Bezahldienste zu den Kernmärkten der Zukunft.

Glauben Sie, dass sich das Bezahlverhalten der Konsumenten verschieben wird? Hin zu solchen Dienstleistern?
Alle Studien sprechen dafür. Früher hatten die Kunden wenig Vertrauen in die digitalen Bezahllösungen. Dass sich das heute grundlegend geändert hat, ist auch das Verdienst von Paypal, weil fest ins Ebay-System integriert. Wer heute im E-Commerce Geschäfte machen will, muss solche Lösungen anbieten.

Und welche Anbieter werden sich hier durchsetzen?
Die sichersten, die bequemsten und die größten. Der Kunde will in jedem Onlineshop der Welt so einfach wie möglich einkaufen. Wer das gewährleistet, macht das Rennen. Deswegen wird es zu einer Verdichtung des Marktes kommen. Wenige Anbieter dominieren das Geschäft, alles andere wäre sinnlos.

Wie müssen Einzelhändler mit der Trennung von Ebay und Paypal umgehen?
Das ist spannend. Denn Ebay ist jetzt nur noch eine Handelsplattform, die geringer wächst als der Gesamtmarkt. Abgesehen von internen Problemen weiß das Unternehmen nicht, wie es in der Zukunft bestehen will. Sie wissen aber, dass sie bisher zu groß und zu unflexibel sind, und dass sie ihre Stukturen und Prozesse ändern müssen. Es ist möglich, dass Ebay einer der ersten großen Sanierungsfälle im E-Commerce wird.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Ebay hat versäumt zu erklären, für was das Unternehmen steht. Alles funktioniert immer noch auf der Basis eines Vermittlers. Der Webshop ist nicht zu vergleichen mit denen von großen Anbietern aus dem E-Commerce. Die Kunden wollen beim Einkaufen stöbern und Spaß haben, und das haben sie bei Ebay nicht wirklich. Hier steckt das meiste Potenzial.

Das heißt, viele Kunden, glauben immer noch, dass Ebay ein Auktionshaus ist?
Allerdings, das sitzt in den Köpfen der Verbraucher. Und hier ist der Unterschied zu Amazon, das sich immer als Handelshaus mit einer zusätzlichen Vermittlungsplattform sah. Bei Ebay war es umgekehrt. Jetzt zeigt sich, dass der Weg von Amazon der bessere war.

Zurück zur Trennung von Paypal. Ist die Bekanntgabe Zufall in einem Zeitraum, da Alibaba einen wuchtigen Börsenstart hingelegt hat und auch die Aktie von Zalando am ersten Handelstag einen ordentlichen Gewinn erzielen konnte?
Oh nein, das ist kein Zufall. Wir erleben derzeit eine neue E-Commerce-Welle. Der Investmentmarkt hat Geld, es gibt viele neue Visionen - und deswegen ist es doch klar, dass man genau jetzt solche strategischen Entscheidungen verkündet.

Was erwarten sie deswegen für den E-Commerce-Markt - und den deutschen Einzelhandel im nächsten Jahr?
Der Markt wird sich neu ordnen, die ewiggleichen Strukturen mit Apple, Amazon und Ebay werden aufgebrochen. Zalando muss sich jetzt beweisen. Ebay auch. Das bietet Chancen für andere Händler mit guten Geschäftsmodellen im Onlinehandel.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Professor Dr. Jochen Strähle hat an der Universität Reutlingen den Lehrstuhl Internationaler Modehandel inne. Der Experte für Onlinehandel war von 2003 bis 2009 im ehemaligen Arcandor-Konzern tätig und verließ das Unternehmen als Leiter der Abteilung Sonderprojekte bei der Versandhandelstochter Primondo.

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