Technik & Web

E-BOOKS | 09.12.2008

"Branche fühlt sich völlig im Stich gelassen"

Der Buchhändler Stephan Jaenicke zu den Gefahren und Chancen digitaler Buchinhalte und warum kleine Händler am Ende den Filialisten überlegen sein könnten.

Der Detmolder Buchhändler Stephan Jaenicke ist Vorstandsmitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Der Detmolder Buchhändler Stephan Jaenicke ist Vorstandsmitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

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Herr Jaenicke, wie "gefährlich" sind E-Books tatsächlich für das gedruckte Buch?
Am Anfang werden E-Books sicher nur von einem exklusiven Nutzerkreis genutzt werden, mittelfristig werden sie aber sicher signifikante Marktanteile erobern. Die Herausforderung, der sich die Branche in den kommenden Jahren stellen muss, ist also riesig.  Bisher waren Buchinhalte praktisch immer untrennbar mit dem Trägermedium, dem körperlichen Buch, verbunden, nun geht es plötzlich nicht mehr um das Medium, sondern nur noch um den Inhalt. Und der Buchhandel scheint mir noch eine sehr zwiespältige Haltung zu diesem neuen Verständnis zu haben.

Inwiefern?
Einerseits sind sich viele Kollegen gar nicht klar darüber, welche Umwälzungen sich dadurch für die Branche ergeben können. Andererseits befassen sich viele nicht mit dem Thema, weil sie fürchten, dass jede Aktivität in Bezug auf E-Books die kommenden Entwicklungen nur beschleunigen wird. Die Entwicklungen werden aber auf jeden Fall kommen. Es ist nur die Frage, ob man den Markt der E-Books komplett den großen Playern wie Amazon und Google überlässt oder auch selbst noch mitspielen möchte.

Wo konkret muss der Buchhandel denn noch seine Hausaufgaben machen?
Die Branche muss schnell klären, wie es mit der Preisbindung und der Preisgestaltung aussieht. Denn wenn E-Books zukünftig zu deutlich niedrigeren Preisen gehandelt werden als gedruckte Bücher, rechnet sich das weder für die Autoren noch die Verlage.

In den USA werden bei Amazon zur Zeit praktisch alle E-Books pauschal für 9,99 Dollar angeboten: Rechnet sich das noch für irgendwen?
Nein, denn unter solchen Umständen geht die Wertschöpfung, die in der Branche geleistet wird, den Bach 'runter. Wer soll noch in die Entwicklung von Inhalten investieren, wenn damit kein Geld mehr zu verdienen ist und die getätigten Investitionen sich nicht mehr über den Verkauf der Werke refinanzieren lassen?

Foto: Buchmesse Frankfurt

Für manchen Leser geht jeglicher Zauber verloren. Foto: Buchmesse Frankfurt

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In welchen Fällen sind E-Books einer Papierausgabe denn überlegen?
Die digitale Vermarktung von Inhalten hat im Fachbuchbereich vor allem aufgrund der guten Aktualisierungsmöglichkeiten Sinn, im Bereich der Belletristik vor allem aufgrund der hohen Kapazität der heute zur Verfügung stehenden Speichermedien. Die neuen Lesegeräte haben die Größe eines Taschenrechners, man kann aber problemlos eine kleinere private Bibliothek darauf laden.

Wenn Buchinhalte erst einmal digital vorliegen, besteht auch die Gefahr von Raubkopien und  illegalen Downloads. Wie groß schätzen Sie diese Risiken ein?
Ähnlich wie bei den Musikdownloads wird sich mancher Nutzer fragen, warum er für Buchinhalte Geld bezahlen soll, wenn er die auch kostenlos irgendwo illegal herunterladen kann. Leider findet zur Zeit eine strafrechtliche Verfolgung von  Urheberrechtsverletzungen durch illegale Bereitstellung von Inhalten im Internet und illegalen Downloads nur in minimalem Umfang statt. Und auch eine zivilrechtliche Verfolgung von solchen Urheberrechtsverletzungen ist praktisch unmöglich, weil die Internet-Provider die Daten der betreffenden User nicht an die Rechteinhaber herausgeben müssen. Hier fühlt sich die Branche zur Zeit vom Gesetzgeber völlig im Stich gelassen, weil nichts unternommen wird, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine Verfolgung von derartigen Urheberrechtsverstößen zu schaffen.

Wie werden Sie in Ihrer Buchhandlung das Thema Digitalisierung angehen?
Sicher hat man keine andere Wahl, als mit der Zeit zu gehen und seinen Kunden die Möglichkeit zu bieten, auch digitale Bücher zu kaufen. Aber wenn man konsequent weiterdenkt, wird man sich irgendwann fragen müssen, wozu man in Zukunft überhaupt noch einen stationären Buchhandel braucht, wenn man doch alles im Netz erledigen kann. 

Trifft das die kleinen Einzelkämpfer mal wieder härter als die großen Filialisten?  
Nein, dieses Schreckensszenario geht auch an den großen Filialisten nicht vorbei. Im Gegenteil: Wenn das gedruckte Buch in ferner Zukunft einmal eine Art Nischenprodukt sein sollte, haben kleine unabhängige  Buchhandlungen bessere Chancen, es als "Kultprodukt" zu vermarkten als die großen Ketten.

Interview: Sybille Wilhelm

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