Unternehmen & Märkte

APOTHEKEN | 14.08.2012

Apotheker unter Druck: "Die Politik spart uns zu Tode"

Die deutschen Apotheker kritisieren ausgerechnet FDP-Politiker - gilt die Partei doch als Freund der Pharmabranche. Die Unternehmer beklagen steigende Existenzängste. Die Krankenkassen halten die Kritik für ungerechtfertigt.

Apotheke:

Apotheken: Mit scharfem Wettbewerb ist zu rechnen

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Mit einem Blick ins Schaufenster von Apotheker Thomas Arnet muss FDP-Mitgliedern das Lachen vergehen. Der Pharmazeut aus Baden-Baden hat die Auslage zur Protestwand gegen die Liberalen umgebaut - ausgerechnet jene Partei, die als Lobby seiner Zunft gilt. Der 47 Jahre alte Arnet lässt die FDP-Bundesminister Philipp Rösler und Daniel Bahr auf Pappe aus dem Fenster lächeln und erklärt mit Plakaten, dass die FDP den Todesstoß für viele Apotheken plane.

Auslöser für Arnets Aktion ist ein Streit um Apothekerhonorare. Für die bundesweit 21.000 Apotheken geht es um viel. Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs 2009 zum Kettenverbot für Apotheken hierzulande hat die Branche ein Thema selten so sehr bewegt. Und die Gemengelage ist größer: Auch die Ärztehonorare und die Milliarden an Krankenkassenüberschüssen stehen auf der politischen Tagesordnung.

Celesio macht großen Verlust


Parallel schüttelt das Sparen im Gesundheitssystem auch Deutschlands Pharmagroßhändler durcheinander. Am Dienstag gab der Stuttgarter MDax-Konzern Celesio aufs Neue ein Beispiel dafür, dass die Bäume in der Branche nicht mehr in den Himmel wachsen: Das Unternehmen schrieb im ersten Halbjahr einen Verlust von rund 184 Millionen Euro.

Die Verbraucher sind in dem Verteilungskampf ebenfalls längst mittendrin: Denn Belastungen wie etwa die Kassenbeiträge, Praxisgebühren und Medikamentenzuzahlungen sind ein großer Kostenfaktor im Alltag.

Belastungen an Kunden weitergeben


Beim Gang in die Apotheke ahnen die meisten Kunden nicht, wie rau der Ton hinter den Kulissen inzwischen ist. Unter den Lieferanten wie Celesio herrscht Hauen und Stechen. Der Chef des Großhandelsverbandes Phagro, Thomas Trümper, spricht von politisch gewollten Einsparungen, die die Ertragslage nie hergab. Die Folge laut Trümper: "Es wurde billigend in Kauf genommen, dass zumindest Teile dieser Einsparung in Form von Rabattkürzungen an die Apotheker weitergegeben werden."

In der Praxis wollten sie die Belastungen anfangs oft eins zu eins auf die Kunden abwälzen. Da die meisten Apotheker mehrere Großhändler haben, begann ein Spielchen: Bestellvolumina wurden je nach Stand der nächsten Rabattverhandlung zur Konkurrenz verschoben, Orderzyklen angepasst oder gleich mit dem Vertragsende gedroht. Es startete ein Preiskampf, der die Großhandelsmargen teils gen Null drückte.

Margendruck steigt


Phagro-Chef Trümper bilanziert: "In Folge der beschriebenen Situation und bei der Unzufriedenheit der Apothekerschaft mit der eigenen Ertragssituation ist auch weiterhin mit scharfem Wettbewerb zu rechnen."

Deutlicher wird ein Branchenexperte, der namentlich nicht genannt werden will: "Das gesamte Thema Kosten steht gewaltig unter Druck. Die Großhändler schauen überall, auch intern, wo sie in ihren Strukturen noch Einsparungen fahren können." Zwar sei der Margendruck schon schlimmer gewesen, vom Niveau vor den Reformen seien die Arzneilieferanten aber weit entfernt.

Hinzu kommen weniger Kunden. Die Vereinigung der Apothekerverbände
(Abda) sagt, dass Deutschlands Apothekenlandschaft per Saldo - also inklusive Neueröffnungen - jede Woche um sechs Geschäfte schrumpfe.

"Da ist mir der Kragen geplatzt"


Die Abda dringt daher darauf, dass das seit 2004 unveränderte Apothekerhonorar pro abgegebener Packung deutlich steigt. Das FDP-geführte Wirtschaftsministerium hält eine Erhöhung um 25 Cent auf 8,35 Euro für angemessen und verweist auf gestiegene Abgabemengen. Die Apotheker lehnen diese Rechenart ab und führen wachsende Betriebskosten etwa für Personal ins Feld.

Apotheker Arnet ist wütend. "Die Politik spart uns zu Tode. Ich bin seit fast 17 Jahren selbstständig und wir werden seit Jahren beschnitten - aber bei den Plänen für 8,35 Euro ist mir einfach der Kragen geplatzt", erklärt er seinen Anti-FDP-Protest.

Verdienste der Apotheker bleiben im Dunkeln - sagen die Kassen


Die Krankenkassen bezweifeln, dass Arnets Fall beispielhaft ist. Ihr Spitzenverband  schreibt: "Bisher konnten die Apotheker zu Umsatz, Gewinn und Betriebskosten keine belastbaren Daten vorlegen. Was ein Apotheker verdient, bleibt bis heute im Dunkeln." Das angepeilte 25-Cent-Plus wäre für die Kassen 150 Millionen Euro Belastung.

Aus der Gesundheitsstatistik der Länder geht hervor, dass die Umsätze der Apotheken in den vergangen Jahren kontinuierlich stiegen. Gut 2,1 Millionen Euro - ohne Mehrwertsteuer - setzte eine Apotheke laut jüngsten Zahlen für 2010 im Schnitt um. Gewinne blieben ungenannt.

Zahlen der Treuhand - ein bedeutender Dienstleister für Apotheken etwa bei den Jahresabschlüssen - stützen Arnets Sicht. Demnach blieben einem Apotheker mit gängigem Jahresumsatz 2011 nach Abzug laufender Kosten vor Steuern 69.000 Euro. Am Ende bleibe einem typischen Apothekenbesitzer nur so viel, wie einer seiner angestellten Apotheker netto verdiene - ohne das Unternehmerrisiko.

Mehr Wettbewerb als Lösung?


Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände hat zu dem Streit eine klare Meinung: Die fixe Preisbildung bei verschriebener Arznei gehöre abgeschafft. Mehr Konkurrenz zwischen den Apotheken und der Wegfall des Kettenverbots müssten her, um den Wettbewerb zu beleben. Die Abda fürchtet dagegen um die unabhängige Apotheke um die Ecke.

Viele Apotheker begegnen dem Reformdruck schon mit einem Zukauf an Filialen - nur bis zu drei sind erlaubt. Gemeinsam mit mehreren Geschäften lässt es sich besser sparen. Das steigert auch die Macht gegenüber dem Großhandel. Experten sehen die Lieferanten daher schon an Ideen arbeiten, die neuen Umsatz bringen:

Marketinglösungen wie etwa Werbekooperationen, Übernahme von Lagerlogistik oder flexiblere Lieferfrequenzen. Auch der Vertrieb von Arznei in Eigenmarken - das System ist aus Supermarktketten bekannt - sei ein mögliches Feld für die Zukunft, in der wohl nur eines sicher scheint: der Spardruck.

Heiko Lossie, dpa

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