Unternehmen & Märkte

EINZELHANDEL-ANALYSE | 19.07.2012

Neckermann, Schlecker, Praktiker - und trotzdem keine Handelskrise

Falsches Geschäftsmodell, ungeduldige Investoren, fehlende Flexibilität: Die Problemfälle im Handel häufen sich. Das heißt aber nicht, dass die ganze Branche in der Krise steckt. Ein Zwischenruf.

Keine Öffnungszeiten mehr bei Schlecker: Krise der Firma, nicht der Branche. Foto: M. Crescenti

Keine Öffnungszeiten mehr bei Schlecker: Krise der Firma, nicht der Branche

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Neckermann, Karstadt, Metro, Praktiker - zusammengenommen werden diese Unternehmen nahezu 5.000 Jobs abbauen. Hinzu kommen noch rund 25.000 Stellen, die mit der Schlecker-Pleite bereits weggefallen sind. Zudem stehen hunderte von Arbeitsplätzen bei weiteren Handelsunternehmen wie etwa dem Schuhfilialisten Görtz auf der Kippe. Der Einzelhandel steckt in einer Krise - könnte man meinen.

Dass dies so nicht stimmt, zeigt zum einem die Tatsache, dass der sonst nicht besonders optimistische Handelsverband HDE an seiner Wachstumsprognose für das Gesamtjahr von 1,5 Prozent Umsatzzuwachs festhält.

Der Onlinehandel boomt, wie die neuesten Zahlen zeigen, und die Geschäftslage im mittelständischen Handel ist stabil - es gibt zumindest keinen massenhaften Anstieg von Insolvenzen. Stationäre Händler wie aktuell der Modeanbieter Ludwig Beck sind erfolgreich und schaffen eine eigene Konjunktur.

Zum anderen sind die betroffenen Handelsunternehmen größtenteils nicht durch eine Krise oder einen Konsumentenstreik ins Schlingern geraten, sondern meist durch Missmanagement oder hausgemachte Probleme. Eine kleine Übersicht:

Praktiker - zu viele Rabatte


Ein Slogan richtete den Baumarktbetreiber zugrunde: "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung" - so wurde Praktiker bekannt. Außerhalb der Aktionszeiträume kauften die Kunden jedoch woanders, und die Rabatte nagten an den Margen. Die Marke ist mittlerweile so beschädigt, dass die Praktiker-Märkte jetzt zum Max Bahr-Standorte umgeflaggt werden sollen. Häufige Wechsel an der Spitze und Streit zwischen Großaktionären und Führung lähmen das Unternehmen zusätzlich.

Neckermann - ungeduldige Eigentümer


Fünf Jahre lang steckt Sun Capital bereits Geld in den Versandhändler Neckermann. Der US-Finanzinvestor wurde zusehends ungeduldig, hat das Kataloggeschäft eingestellt, wollte die Logistik und den Eigenhandel mit Mode einstellen sowie 1.380 von 2.400 Mitarbeiter los werden. Nun hat Sun den Geldhahn zugedreht - doch für die gewünschte Transformation hin zum reinen Onlinehändler braucht man Geduld, Zeit - und Geld.

Karstadt - zu wenig Investitionen


Der Warenhaus-Konzern will 2.000 Arbeitsplätze streichen. Ende August läuft der Sanierungstarifvertrag aus - damit steigen die Personalkosten. Dass diese Bürde nicht getragen werden kann, liegt auch daran, dass auf der Fläche zu wenig passiert: Die Modernisierung der Standorte, verbunden mit einer Schärfung des Profils der Häuser, geht zu langsam voran, neue Formate wie "K Town" für junge Kunden kommen nicht aus den Startlöchern.

Metro - Größe ist nicht alles


Keine Säule des Handelskonzerns Metro sieht derzeit wirklich gut aus: Die Elektrotochter Media-Saturn schwächelt und wird durch einen Eigentümerstreit gelähmt. Das Großhandelsgeschäft stockt, die Real-SB-Warenhäuser sind immer noch in der Genesungsphase, die Kaufhof-Kaufhäuser schlagen sich so gut sie können durch die Warenhaus-Krise. Die schiere Größe des Konzerns ist in einer Zeit, in der vor allem Spezialisten Erfolg haben, nicht von Vorteil - nun sollen zusätzlich 900 Jobs abgebaut werden.

Schlecker - der blinde Unternehmensgründer


Schließlich die größte Pleite der vergangenen Jahre im Einzelhandel: Schlecker geriet größtenteils durch Missmanagement in Schieflage. Firmengründer Anton Schlecker, gegen den nun ermittelt wird, verkannte grob die Schieflage des Unternehmens, eröffnete immer mehr Filialen, viele von ihnen blieben von Anfang an unprofitabel. Die Realität hielt nicht in die Führungsetage des Unternehmens Einzug - büßen mussten dies 25.000 Mitarbeiter.

Faktoren wie der boomende Onlinehandel, Multichannel und wechselnde Kundenpräferenzen beschleunigen derzeit den Strukturwandel im Handel. Dabei kann es nicht nur Gewinner geben - es gibt aber beileibe auch nicht nur Verlierer, wie viele Überschriften in der Publikumspresse uns glauben lassen wollen.

Marcelo Crescenti

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