Unternehmen & Märkte

PRAKTIKER-SANIERUNG | 05.07.2012

Entscheidung bei Praktiker: Viele Blessuren, ein Sieger

Nach einer hitzigen Hauptversammlung stimmten die Großaktionäre am Ende dem umstrittenen Finanzierungskonzept des Praktiker-Vorstands zu. Das Geld kann nun fließen, die Zweifel bleiben.

Kein leichter Stand: CEO Kay Hafner legte sein Aufsichtsratmandat nieder. Foto: Hanno Bender

Kein leichter Stand: CEO Kay Hafner legte sein Aufsichtsratmandat nieder.

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Es war buchstäblich fünf vor zwölf Uhr als die Ergebnisse der Abstimmungen verlesen wurden. Bis tief in die Nacht war auf der Hauptversammlung des angeschlagenen Baumarkt-Konzerns Praktiker erbittert gestritten und gerungen worden. Aktionäre, Vorstand und Aufsichtsrat lieferten sich nervenaufreibende Debatten und Wortgefechte.

Am Ende stimmten die Großaktionäre dem umstrittenen Finanzierungskonzept für die notwendige Restrukturierung zu und gaben den Weg für eine Kapitalerhöhung in Höhe von 60 Millionen und eine Optionsanleihe auf 15 Prozent des Grundkapitals frei.

Beide Maßnahmen hatte die Investmentgesellschaft Anchorage Europe zur Voraussetzung für ein 85 Millionen Darlehen gemacht, mit dem der Vorstand den "Neuanfang für Praktiker" finanzieren will.

Die "alternativlose" Maßnahme


Der amtierende Vorstandschef der Praktiker AG Kay Hafner und Finanzvorstand Markus Schürholz hatten das Finanzierungspaket zuvor als "alternativlos" bezeichnet. "Wenn nur ein Baustein wegbricht, fällt das ganze Gebäude zusammen", sagte Hafner. "Wenn Sie nicht zustimmen, droht Ihnen der Totalverlust", warnte Schürholz. "Die wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen für ein Fortbestehen des Konzerns wären nicht mehr gegeben, das Unternehmen überschuldet."

Isabella de Krassny. Foto: Hanno Bender

Keine Revolution in Grün: Isabella de Krassny erzielt zunächst nur einen Teilerfolg.

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Die Aktionäre sahen sich durch die Drohung mit der Insolvenz erpresst und kritisierten Aufsichtsrat und Vorstand aufs Schärfste: "Sie haben das Unternehmen an den Rand des Ruins geführt. 550 Millionen Euro Verlust bei 3,1 Milliarden Euro Umsatz, das ist auch eine Leistung, das muss man erstmal schaffen", spottete Dirk Unrau von der Aktionärsschützervereinigung DSW.

"Sie zeigen uns Filmchen, legen aber keine belastbaren Zahlen vor", kritisierte seinerseits Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Doch das war nur das vordergründige Geplänkel auf der Bühne - ein Schauspiel, wie es auf vielen Hauptversammlungen immer wieder gezeigt wird. Im Hintergrund verhandelte Isabella de Krassny mit Vertretern des Aufsichtsrats über eine Kompromisslösung.

Unterschiedliche Auffassung über Finanzierung und Kurs


Die Vertreterin der Großaktionäre Maseltov und der Privatbank Semper Constantia wusste 16 Prozent der Stimmrechte auf ihrer Seite. Da mit den rund 200 anwesenden Aktionären nur 26 Prozent des Grundkapitals im Curio-Haus vertreten waren, konnte sie den Daumen zur geplanten Kapitalspritze heben oder senken.

De Krassny hat eigene Vorstellung zur Sanierung des Konzerns. Andreas Sandmann, ehemaliger Vorstand von Obi und ihr Wunschkandidat für den Vorstandsposten, stellte den Aktionären auf der Hauptversammlung ein Drei-Säulen-Konzept vor.

"Praktiker kann nicht mehr vom Thema Preis getrennt werden", erläuterte Sandmann, warum man eine Discountstrategie für einen Großteil der Märkte anstrebt, während 60 bis 80 Märkte zu hochwertigeren Max Bahr-Märkten umgewandelt werden sollen.

Kleinere Märkte will das Managementteam um Sandmann, das das Konzept "Spark" schon vor Monaten erarbeitete, in ein Franchise-System überführen. "Es gibt rührige Unternehmer vor Ort, die solche Märkte erfolgreich führen können", so der Schatten-CEO, der Franchiseerfahrung bei Obi gesammelt hat.

Die Revolution blieb auf halber Strecke stecken


Foto: Hanno Bender

Andreas Sandmann, der Wunsch-CEO vieler Aktionäre.

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"Wir haben ein operatives Konzept und wir haben eine Finanzierung", warb Sandmann schon fast im Stile eines Vorstandschefs für den Plan der Österreicherin. Doch gestern Abend blieb die von de Krassny angestrebte Palastrevolution auf halber Strecke stecken - zunächst jedenfalls.

Trotz ihrer Abstimmungsmehrheit gelang es der Fondsmanagerin nicht, ihr Konzept durchzubringen. Bis in den Abend wurde verhandelt. Auch Ulrich Grillo, designierter BDI-Präsident und Aufsichtsrat bei Praktiker, schaltete sich in die Gespräche ein.

Schließlich verkündete die streitbare Aktionärin, dass sie den Finanzierungsmaßnahmen zustimmen werde. Im Gegenzug durfte de Krassny zwei neue Aufsichtsräte benennen. Kay Hafner stellt sein Mandat zur Verfügung.

"Kay Hafner und Herr Ebbe Pelle Jacobsen haben ihr Amt mit Wirkung zum Ablauf des heutigen Tages niedergelegt", gab die Praktiker AG um 20:45 per Ad Hoc-Mitteilung bekannt.

"Der Vorstand wird die gerichtliche Bestellung von zwei neuen Aufsichtsratsmitgliedern der Anteilseigner, Erhard F. Grossnigg und Armin Burger  beantragen". Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass Hafner zumindest bis zum 13. August Vorstandschef des Baumarktkonzerns bleibt.

"Der Aufsichtsrat setzt seine - bereits bekanntgemachte - Suche nach weiteren Personen zur Bestellung in den Vorstand fort. Heute hat eine Konsultation mit den Aktionären Semper Constantia und Maseltov über die vom Aufsichtsrat in Aussicht genommenen Personen stattgefunden. Mit diesen Personen sollen nunmehr Vertragsverhandlungen aufgenommen werden. Über die Ergebnisse dieser Verhandlungen wird zu gegebener Zeit informiert", heißt es in der offiziellen Erklärung.

Foto: Hanno Bender

Harter Kampf: Aufsichtsratschef Kersten von Schenck führte die turbulente Versammlung.

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Ein Einkaufs- und ein Vertriebsvorstand - seit langem vakante Positionen - sollen engagiert werden, war auf den Fluren zu hören. Inwieweit de Krassny ihre Vorstellungen vom künftigen Sanierungskurs nun realisieren kann, ist offen. "Die Würfel sind geworfen, sie sind aber noch nicht gefallen", beschreibt ein Verhandlungsteilnehmer die aktuelle Situation bei Praktiker.

Die in der Presse als "Schrecken von Vorständen und Aufsichtsräten" titulierte Österreicherin, zeigte sich auf dem Podium gestern wenig souverän. "In Österreich wird konsensualer verhandelt, hier geht es rauer zu, das hat sie offenbar unterschätzt", meinte ein Beobachter.

Der Sieger des Abends heißt: Anchorage Europe


Der einzige Sieger, der ohne Blessuren aus der Hitzeschlacht des gestrigen Abends hervorging, ist die Investmentgesellschaft Anchorage. Über das ausschließliche Bezugsrecht für die Optionsanleihe kann sich der Finanzinvestor zu günstigen Kondition 15 Prozent an der Praktiker AG sichern.

Das im Gegenzug bereitgestellte 85-Millionen-Darlehn bezeichnete CFO Schürholz selbst als "Hochzinsdarlehen". Für den "Super Senior Loan" erhält Anchorage über eine Laufzeit von fünf Jahren einen Zinssatz von 10 Prozent über dem Euribor plus 5 Prozent - zahlbar je nach Geschäftsverlauf jährlich oder am Ende der Laufzeit.

Mehr Bauschmerzen bereitete den Aktionären allerdings die Tatsache, dass als Sicherheit für das Darlehen mit der Praktiker-Tochter Max Bahr das profitable Filetstück des Konzerns an Anchorage verpfändet werden soll.

Die genauen Bedingungen des Kredits, die so genannte "Covenants", sind noch nicht einmal ausverhandelt, wie Schürholz auf Nachfrage der Aktionäre einräumen musste. 

Foto: Hanno Bender

Praktiker-CFO Markus Schürholz drohte den Aktionären mit der Insolvenz.

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Anchorage kann hier die Daumenschrauben eng anziehen, wenn de Krassny nicht noch einen alternativen Investor aus dem Hut ziehen kann. Der Finanzinvestor gewinnt in jedem Fall: Wenn Praktiker tatsächlich den ambitionierten Turn Around schaffen sollte (Hafner: "2014 schreiben wir wieder schwarze Zahlen"), kann sich Anchorage über satte Zinsen und den gestiegenen Wert der Gesellschaftsanteile freuen. Sollte sich der Absturz fortsetzen, hält Anchorage mit Max Bahr ein verwertbares Asset in der Hand.

Die Aktionäre zogen ihre Konsequenzen und verweigerten sämtlichen Aufsichtsräten und den inzwischen ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedern Werner, Fox, Schultheis, Warnking am Ende die Entlastung - zumindest ein symbolischer Vertrauensentzug. An den Börsen wurde die nächtliche Einigung dagegen am Donnerstagvormitteg mit einem Kursprung von mehr als sieben Prozent für die Praktiker-Aktie gefeitert.

Hanno Bender

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