Unternehmen & Märkte

TRAVEL RETAIL | 06.10.2012

Flughäfen werden zu Shoppingcentern

Immer mehr Händler und Markenhersteller zieht es an Flughäfen. Sie wollen vom internationalen Flair und schnellen Umsätzen profitieren. Doch vor der Gangway gelten ganz eigene Gesetze.

Foto: Hans-Rudolf Schulz

Abgehobene Umsätze: Die Flughäfen locken mit neuen Einzelhandelsflächen.

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Der Flugsteig wird pünktlich eröffnen, eine Verschiebung wird es nicht geben. Am 10. Oktober wird am Frankfurter Flughafen das Terminal A-Plus in Betrieb genommen. Zwei Generalproben mit je rund 2.000 Testpassagieren hat der neue Arm des Terminal 1 einige Wochen vor der Eröffnung bereits erfolgreich bestanden.

Sechs Millionen Passagiere sollen hier künftig jährlich ihren Weg zum Flieger finden, vorbei an zwei zentral gelegenen Marktplätzen und insgesamt 60 neuen Geschäften. Die Einzelhandelsfläche am Frankfurter Flughafen wächst damit von 31.000 auf dann mehr als 41.000 Quadratmeter an.

"Das entspricht dem Trend. Die Flughäfen versuchen, wo es auch immer geht, ihre Einzelhandels- und Gastronomieflächen auszuweiten. Das sogenannte Non-Aviation-Geschäft wird für die Betreiber immer wichtiger", analysiert Sophie Stolze, Managerin bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney.

800 Bewerber für gerade mal 60 Ladengeschäfte


Der Frankfurter Flughafen erwirtschaftet mittlerweile gut 42 Prozent seines Gewinns mit dem "Retail & Real Estate"-Bereich. Aber auch für Händler sind Flughäfen ein interessantes und lukratives Betätigungsfeld: 800 Handelsunternehmen haben sich an der Ausschreibung für die 60 Läden im neuen Terminalabschnitt beworben. Der Zuschlag gilt als ein Sechser im Lotto, die Lizenz zum Gelddrucken. Doch ganz so einfach ist das Geschäft mit den Reisenden dann doch nicht, im Gegenteil - es ist sehr speziell.

"Die Passagiere stehen unter Zeitdruck und das Publikum ist sehr international, darauf muss sich das Verkaufspersonal einstellen - und auch Warenangebot und Präsentation müssen entsprechend ausgerichtet sein", betont Sophie Stolze. Die Beraterin hat an den Einzelhandelskonzepten von verschiedenen westeuropäischen Flughäfen mit­gewirkt und Studien zum Einzelhandel an Airports verfasst.

In den ­vergangenen Jahren lasse sich eine Professionalisierung sowohl auf der Seite der Flughafenbetreiber als auch der Flächenmieter feststellen. "Unternehmen wie die Gebrüder Heinemann etwa haben eine eigene Handelsmarke entwickelt und grenzen sich damit erfolgreich im Wettbewerb ab."

Vom Versorgungsbedarf zum Shoppingcenter


Auch Elke Haeffner beobachtet einen deutlichen Wandel: "Das Geschäft hat sich extrem geändert", sagt Haeffner, Vice President Centermanagement am Münchener Flughafen. Seit elf Jahren ist sie für den Einzelhandel am Franz-Josef-Strauß-Flughafen zuständig, der - ein Unikum in Deutschland - weitgehend in Eigenregie der Betreibergesellschaft geführt wird. "Früher wurde nur eine Grundversorgung wie Presseerzeugnisse und Gastronomie angeboten. Heute ist der Handel am Flughafen eher ein Shoppingcenter mit ganz eigenem Charakter."

Fünf übergreifende Trends lassen sich beim Einzelhandelsangebot an Flughäfen ausmachen:

(1) Es muss nicht immer Luxus und Premium sein. Modeanbieter wie Esprit, Zara und Desigual halten Einzug an die Gangway.

(2) Ausgefeilte Wellness- und Beautykonzepte wie "Be Relax" locken Transferpassagiere mit Verwöhnangeboten und

(3) die Konzeption der "Duty free"-Shops wandelt sich zu einer Wegführung, die eine klare Orientierung und einen guten Überblick ermöglicht. Da­rüber hinaus macht sich

(4) die Professionalisierung der Systemgastronomie am Airport bemerkbar. McDonald's bietet in München den Check-in an der Burgerkasse. Jeder Flughafen in Europa, der etwas auf sich hält, versucht zudem einen Koch mit Stern oder wenigstens Namen an Land zu ziehen. Jamie Oliver betreibt Restaurants in Stansted und Gatwick, Tim Mälzer eines am neuen Frankfurter Flugsteig A-Plus und in Stuttgart kocht mit Claudio Urru ein echter Sternekoch.

(5) Der Wettbewerb wird härter. Die Firma Geb. Heinemann hat in Düsseldorf erstmals Flächen in einer Ausschreibung an einen internationalen Konkurrenten, die World Duty Free Group, verloren. Und immer mehr Handelsunternehmen entdecken die Attraktivität von "Travel Retail", wie Thomas Wiesel, Geschäftsführer der LS Travel Retail Deutschland, beobachtet (siehe Interview).

"Für die Flughafenbetreiber ist es wichtig, ein möglichst einzigartiges Angebot zu schaffen", erläutert Beraterin Stolze. "Regionale Konzepte und Sortimente sind dazu wichtig."

Schmerzliche Erfahrungen am Berliner Willy-Brandt-Flughafen


Im neuen Berliner Flughafen sollten Shops wie "Look 54", "Ampelmann" und "Die kleine Gesellschaft" diesen lokalen Charme entfalten. Das Spielzeuggeschäft von Béatrice Posch bietet auf zwei Flächen in der Stadt ein exklusives Sortiment - teils mit regionalem Bezug. Am Willy-Brandt-Flughafen hat "Die kleine Gesellschaft" ein 60-Quadratmeter-Geschäft angemietet.

"Die Flächen wurden im Rohbau übergeben, wir mussten alles selbst ausbauen", sagt Posch. Die völlig überraschende Verschiebung einen Monat vor der geplanten Eröffnung im Juni traf das Geschäft hart. "Wir mussten fünf Mitarbeiter entlassen, die bereits eingearbeitet waren. Das war schmerzlich", erinnert sich Posch. Dennoch will die Händlerin an ihrem Vorhaben festhalten. "Ich denke, der Flughafen wird ein sehr guter Standort für uns werden, wenn es denn einmal so weit ist."

Für LS-Travel-Retail-Geschäftsführer Wiesel war die Kurzfristigkeit der Eröffnungsabsage ebenfalls ein Ärgernis. "Alle Projektteams liefen auf Hochtouren, die ganze Mannschaft war hoch motiviert", sagt der Manager. Immerhin neun Geschäfte wird LS Travel Retail am Berliner Flughafen betreiben.

Doch der Manager findet versöhnliche Worte: "Die zweite Verschiebung im Sommer auf den 27. Oktober 2013 ist organisatorisch dagegen kein Problem. Und das Ausschreibungsverfahren für die Flächen war eines der transparentesten und fairsten, das ich bisher erlebt habe."

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer im Handelsverband Berlin-Brandenburg, wird oft von Händlern angesprochen, ob es nicht von Flächen am Flughafen wüsste, die nun wegen Geschäftsaufgabe frei würden. Für ihn steht schon heute fest: "Wenn der Betrieb erstmal läuft, wird die ganze Misere schnell vergessen sein. Heute erinnert sich doch auch niemand mehr an das Kofferdesaster von London Heathrow."

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier

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