Unternehmen & Märkte

INTERVIEW | 17.07.2009

"Am Pilotabschluss gibt es nichts zu rütteln"

Der NRW-Tarifabschluss im Handel wurde in vielen Bundesländern übernommen, einzig im Osten stockt der Prozess. Verhandlungsführer Rainer Marschaus über die Einigung im Tarifstreit.

Foto: Santiago Engelhardt

Verdi-Mitglieder aus dem Handel bei einer Kundgebung: In Ostdeutschland stockt der Prozess.

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Rainer Marschaus ist Vorsitzender des gemeinsamen tarifpolitischen Ausschusses der Handelsverbände HDE und BAG.

Sind Sie mit dem Tarifabschluss für den Einzelhandel zufrieden?
Kein Tarifabschluss in Deutschland entspricht in diesem Jahr der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der jeweiligen Branche und insbesondere angesichts der Krise, deren schlimmste Seite wir noch nicht gesehen haben. Die Arbeitgeber des Handels sind an die Grenze des Vertretbaren gegangen. Ich denke aber, dass die Schmerzen zwischen beiden Tarifparteien gerecht verteilt sind.

Hat Sie es gewundert, dass manche Tarifbezirken gezögert haben und teilweise immer noch zögern, den Pilotabschluss zu übernehmen?
Da geht es lediglich um Details und geringfügige regionale Unterschiede. Verdi war bei ihren Forderungen eben regional unterschiedlich aufgestellt. Der Pilotabschluss steht, daran gibt es nichts zu rütteln.

Rainer Marschaus

Rainer Marschaus

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Sie haben bereits zahlreiche Tarifrunden erlebt. In welcher Atmosphäre verliefen die vergangenen Tarifgespräche?

Diese Tarifrunde zeigte wieder einmal, dass der in den Medien ausgebreitete Anschein der Verhandlungen dem tatsächlichen Verlauf der Gespräche nicht unbedingt entspricht. Die ursprüngliche Forderungshöhe von Verdi (rund 6,5 Prozent mehr Gehalt, d. Red.) hat den Eindruck vermittelt, dass wir einen Abschluss nur mit Blut, Schweiß und Tränen erreichen könnten. In Wahrheit war die Verhandlungsatmosphäre bemerkenswert sachlich. Beide Seiten haben stets eine konstruktive Grundhaltung bewahrt und sich bemüht, zügig zu einem Abschluss zu kommen. Das ist uns dann auch gelungen.

Ist es aber nicht so, dass der schnelle Abschluss nur deswegen möglich wurde, weil Sie strittige Themen ausgespart haben?
Beide Tarifparteien sind zu jedem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass es sich um eine reine Lohn- und Gehaltsrunde handelte - und so war das auch. Die Manteltarifverträge, die Fragen der Arbeitszeit oder Zuschläge regeln, gelten ja noch bis 2010.

Wie schmerzhaft waren die Warnstreiks im Vorfeld der Einigung?
Das war die übliche Begleitmusik, die ich sehr in Frage stelle - denn es gibt vernünftigere Formen des Dialogs. Doch offensichtlich braucht Verdi die Streiks, um einen Abschluss intern zu legitimieren.

Nun hat die Branche bis 2010 Ruhe an der Tariffront. Werden Sie die Zeit nutzen, um endlich die Reform der Entgeltstrukturen im Handel wieder voranzubringen?
Die Arbeitgeberseite ist eindeutig daran interessiert, den Reformprozess voranzutreiben. Auch seitens Verdi wird Interesse bekundet. Wir wollen uns schon bald hierzu zusammensetzen. Die Fairness im Umgang miteinander, die beide Tarifparteien während der letzten Verhandlung bewiesen haben, stimmt mich optimistisch.

Interview: Marcelo Crescenti

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