Unternehmen & Märkte

KARSTADT-KRISE | 14.09.2013

Karstadt kämpft

Kritische Berichterstattung versucht Karstadt rigoros mit juristischen Schritten zu unterbinden. Dazu gehen die Anwälte des Unternehmens nicht nur gegen Medien vor.

Foto: Hanno Bender

Karstadt geht rigoros gegen Kritiker des Sanierungskurses vor.

+

Landgericht Köln, Saal 222, Mittwoch, 3. Juli 2013, 10:30 Uhr. Ein schmuckloser Raum in einem hässlichen 80er-Jahre-Hochhaus. Der Alltag der deutschen Rechtspflege ist wenig glamourös. Zur Verhandlung steht die Sache "Karstadt Warenhaus GmbH gegen Deutscher Fachverlag GmbH". Bei den nachfolgenden Terminen wird die Kammer noch über die Streitigkeiten "Heike Makatsch gegen Burda" und "Elbertzhagen gegen Bauer" befinden.

"Das Landgericht Köln gilt in Pressesachen als angreiferfreundlich", sagt Dr. Axel von Walter, Rechtsanwalt und Partner der Kanzlei Beiten Burkhardt. "Anwälte von Prominenten, die sich gegen unerwünschte Berichterstattung wehren wollen, wählen Köln deswegen häufig als Gerichtsstand." Der erfahrene Medienrechtlern vertritt den Deutschen Fachverlag im Verfahren gegen Karstadt.

Auf der Gegenseite verlangt die Kanzlei Schertz Bergmann für den Warenhauskonzern die Unterlassung von vier Aussagen, die in vier verschiedenen Onlineberichten im Sommer 2012 auf derhandel.de veröffentlicht wurden. In einem normalen Unternehmen hätte der Pressesprecher zunächst zum Telefonhörer gegriffen und um Richtigstellung gebeten. Nicht so bei Karstadt, dort wird die Öffentlichkeitsarbeit inzwischen offenbar vollständig von Anwälten erledigt, die sofort "strafbewehrte Unterlassungserklärungen" einfordern.

"Die Kanzlei Schertz Bergmann ist eher dafür bekannt, Prominente zu vertreten als Wirtschaftsunternehmen", weiß Rechtsanwalt von Walter zu berichten. Fraglich also, ob hier die wirtschaftlichen Interessen von Karstadt oder das Image von Nicolas Berggruen verteidigt werden. Die Zahl der kritischen Berichte über den schillernden Investor, der den Warenhauskonzern im Sommer 2010 unter dem Applaus der Gewerkschaft Verdi und großer Anteilnahme der damaligen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen aus der Insolvenz übernahm, nimmt zu.

Nebensächlichkeiten und Nebensätze


Vor dem Kölner Landgericht wird es überwiegend um Nebensätze und Nebensächlichkeiten gehen, die die Kernaussagen der jeweiligen Berichte nicht tragen. Ein Streitpunkt dreht sich beispielsweise um die Frage, ob der Betrag von 100.000 Euro, die in das Karstadt-Haus in Gummersbach investiert wurden, nur für die Damenhandtaschen-Abteilung aufgewendet wurden, wie im Artikel erkennbar spöttisch formuliert wird, oder ob mit dem kümmerlichen Betrag noch umfangreichere Renovierungstätigkeiten durchgeführt wurden, wie Karstadt betont. Seitenweise tauschen sich hochbezahlte Juristen in ihren Schriftsätzen über solche Fragen aus. Das eigentliche Thema des Beitrags, Anspruch und Wirklichkeit der Karstadt-Sanierung klaffen weit auseinander, spielt dabei keine Rolle.

Freilich geht es den Verantwortlichen dieser Art von Rechtsverfolgung wohl auch weniger um die Wahrheitsfindung als vielmehr um die einschüchternde Wirkung ihrer Vorgehensweise. Denn das Wirtschaftsmagazin Der Handel befindet sich in der juristischen Auseinandersetzung mit Karstadt in bester Gesellschaft. Auch das ZDF, der "Spiegel" und die "Lebensmittel Zeitung" erhielten Post von der Kanzlei Schertz Bergmann. Nicht selten werden die ­Anwälte sogar schon im Vorfeld einer Veröffentlichung aktiv. "Nach einer Rechercheanfrage bei der Pressestelle erhält man postwendend ein Fax, in dem juristische Schritte angekündigt werden", wundert sich ein renommierter Wirtschaftsjournalist, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Aber nicht nur gegen Redaktionen geht die Kanzlei im Auftrag von Karstadt vor. Mindestens zwei anerkannte Handelsexperten erhielten ebenfalls Aufforderungen zur Abgabe von Unterlassungserklärungen, weil sie sich in Zeitungen wie der "Bild" und der "Süddeutschen" oder in TV-Beiträgen kritisch über den Sanierungskurs von Karstadt-Chef Andrew Jennings äußerten. "Seien Sie davon in Kenntnis gesetzt, dass wir auch gegen andere angebliche Experten Unterlassungserklärungen durchsetzen können", droht Prof. Dr. Christian Schertz in solchen Schreiben.

Das Spiel über Bande zeigt Wirkung


Dieses Spiel über Bande zeigt ­Wirkung: Die "Wirtschaftswoche" schwärzte jüngst den Namen eines Handelsprofessors in einem Artikel, um Repressalien für den Karstadt-Kritiker zu vermeiden. "Es wird zunehmend schwieriger, Experten zu finden, die sich öffentlich über Karstadt äußern ­wollen", sagt auch Christoph Giesen, Wirtschaftsjournalist bei der "Süddeutschen Zeitung".

Im Fall von Der Handel wies die Vorsitzende Richterin am Landgericht Köln drei der vier Unterlassungsbegehren der Kanzlei Schertz Bergmann gleich zu Beginn des Gütetermins als haltlos zurück. Lediglich die Überschrift "Karstadt baut in Summe 4.000 Stellen ab" stand als falsche Tatsachenbehauptung in Rede. Die Parteien vereinbarten einen Vergleich, seither steht über dem Onlineartikel "Karstadt streicht bis zu 4.000 Stellen". Damit ist der Rechtsfrieden wieder hergestellt.

335,90 Euro Anwaltsgebühren der Gegenseite und ein Viertel der Gerichtskosten muss der Deutsche Fachverlag tragen. Offen bleibt nach dem Termin die Frage, ob das Warenhausunternehmen, das seit Monaten nicht imstande ist, einen Nachfolger für Vorstandschef Andrew Jennings zu benennen, nicht ganz andere Probleme hat. Doch dies stand nicht zur Verhandlung an.

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der September-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.

Anzeige

 


Diesen Artikel verlinken:
Twitter Facebook
LinkedIn

Impressum | Datenschutz | Kontakt

Copyright: Deutscher Fachverlag GmbH; Anregungen & Kommentare an info@derhandel.de
Credits: Konzept & Layout SamArt Gbr
Credits: Konzept, Projektmanagement, Programmierung und technische Realisation dfv Internet-Service

Twitter

Anzeige

 

Anzeige

 

Printausgabe

Der Handel 06/2016

Das führende Wirtschaftsmagazin für Handelsunternehmer

zum Inhalt »
Infos zum Abo »

 

Weiterbilden. Netzwerken. Horizont Erweitern




Management-Kurse mit Hochschulzertifikat - praxisnah, auf wissenschaftlichem Qualitätsniveau

Zum Kursangebot »



Das Premium-Seminar zu aktuellen Themen der Branche - mit Hochschulzertifikat

Mehr Informationen »