Unternehmen & Märkte

KARTENZAHLUNG | 04.11.2009

EC-Karten-Gebühren unter Druck

Das deutsche EC-Kartenverfahren gerät unter Druck: Große Händler springen ab. Darüber hinaus wächst im Zuge von SEPA die Konkurrenz. Das Gebührenmodell der Banken wankt.

Die Händlergebühren für EC-Kartentransaktionen geraten unter Druck. (Foto: B+S Card Service)

Die Händlergebühren für EC-Kartentransaktionen geraten unter Druck.

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Eigentlich war alles wie immer: Er hatte vollgetankt und wollte nun Ölstand und Wasser kontrollieren, während sie mit seiner EC-Karte in Richtung Kasse marschierte. Doch diesmal kam seine bessere Hälfte unverrichteter Dinge zurück: „Die wollen deine Unterschrift, mit deiner PIN-Nummer kann ich da nicht bezahlen."

Solche Überraschungen erleben Autofahrer derzeit häufiger - denn die Deutsche BP hat die Kartenakzeptanz an ihren rund 2.500 Aral-Tankstellen in Deutschland vollständig umgestellt.

Statt wie bisher sämtliche Zahlungen mit der Girocard (ehemals EC-Karte) durch die Eingabe der Geheimnummer zu legitimieren, genügt nun in der Regel die Unterschrift des Karteninhabers auf dem Kassenbeleg. Nur in Ausnahmefällen wird aus Sicherheitsgründen noch die PIN verlangt. Den Großteil der jährlich rund 80 Millionen Debitkartenzahlungen bei Aral autorisiert und garantiert der Payment-Dienstleister Easycash über sein Online-Lastschriftverfahren (siehe auch Der Handel 06/2009).

Ausgerechnet Aral


Dass mit BP ausgerechnet ein multinationales Mineralölunternehmen zur Lastschrift wechselt, schlägt in der Fachwelt hohe Wellen. Vielen gilt das nur in Deutschland bekannte Verfahren als Auslaufmodell.

Im Zuge der Single Euro Payments Area (SEPA), mit der die bargeldlosen Zahlmethoden europaweit vereinheitlicht werden sollen, gibt es für die deutsche Lastschrift keine Zukunft, meinen die Skeptiker: „Seitens der EU-Kommission ist damit zu rechnen, dass sie die nationalen Verfahren nur noch bis 2012/13 dulden wird", sagt etwa der Unternehmensberater und Kartenexperte Prof. Dr. Jürgen Thede.
 
Vor allem aber sorgt die Entscheidung von BP für Verwunderung, weil gerade europaweit tätige Unternehmen von der Harmonisierung der Infrastruktur im Zahlungsverkehr profitieren sollten.

Das blaue Wunder


Bereits heute zahlen einige Mineralölgesellschaften geringere Girocard-Gebühren als der Einzelhandel. Während Händler für die garantierten Zahlungen mit PIN-Abfrage in aller Regel 0,3 Prozent vom Umsatz - mindestens aber acht Cent - an die Banken abführen, gelten für Tankstellenbetreiber andere Gebührensätze.

Dennoch ist das Mischverfahren aus Lastschriften und Girocard-Autorisierungen für Aral die günstigere Lösung: „Wir erzielen durch die Umstellung erhebliche Einsparungen", sagt Hans-Rainer Frank, Kartenspezialist der Deutschen BP im Gespräch mit Der Handel. „Aus unserer Sicht ist das Lastschriftverfahren zukunfts- und wettbewerbsfähig."

BP zahlt einen fixen Cent-Betrag pro Transaktion für die Zahlungen, die per Lastschrift abgewickelt werden. Nur wenn der Ratinger Dienstleister eine Autorisierung ablehnt, weil die Karte in seiner Sperrdatei auffällig geworden ist, schickt BP eine Anfrage an die Autorisierungszentralen der im Zentralen Kreditausschuss (ZKA) organisierten deutschen Banken - der Herren des Girocard-Verfahrens.Für jede dieser Abfragen wird das Händlerentgelt an die Banken fällig.

Diese sogenannten „ad valorem"-Gebühren sind BP Manager Hans-Rainer Frank, dem Experten für die Kartenakzeptanz des Konzerns in ganz Europa, ein Dorn im Auge. „Es gibt keine Begründung für umsatzabhängige Gebühren bei Debitkarten. Der Betrag einer Transaktion hat auf die Kosten der Zahlungsabwicklung keinerlei Einfluss",begründet Frank seine Haltung. „Derzeit freuen sich die Banken über jede Benzinpreiserhöhung, weil dadurch ihre Profite im Kartengeschäft steigen, einen sachlichen Grund dafür gibt es nicht."

Ad valorem ade


Der Schwenk von Aral erhöht den Druck auf den ZKA, das seit 1991 gültige Preismodell zu ändern. Denn das Beispiel könnte sehr schnell Schule machen. Auf der Uniti-Konferenz des Bundesverbands der mittelständischen Mineralölgesellschaften am 17. und 18. November in München wird Hans-Rainer Frank das Modell vorstellen. Darüber hinaus hat auch die Rewe - ebenfalls mit dem Netzbetreiber Easycash - ein neues Preismodell entwickelt.

In den zur Rewe-Gruppe gehörenden ProMarkt-Filialen werden im Unterschied zur Aral-Lösung sämtliche Girocard-Zahlungen mit einer fixen Gebühr pro Transaktion abgewickelt. Ob der Flachbildschirm für 2.500 Euro oder das Scartkabel für 4,50 Euro, jede Girocard-Zahlung koste die Rewe denselben Betrag. Zahlungsgarantie, Risikomanagement und Inkasso übernimmt der Dienstleister. Die Kölner prüfen, ob sie das Modell auf andere Vertriebslinien des Konzerns übertragen.

Das Interesse im Handel an dieser „All in"-Lösung ist groß: klar kalkulierbare Kosten, weniger Aufwand in der Abwicklung und geringere Gebühren sind handfeste Vorteile. Selbst wenn das ELV-Verfahren dem SEPA-Prozess zum Opfer fallen sollte, die Umstellungskosten sind schnell eingespart. „Der Aufwand amortisiert sich in kurzer Zeit", sagt BP-Mann Hans-Rainer Frank. Zudem ist völlig offen, ob die seit Anfang November existierende europäische SEPA-Lastschrift tatsächlich das Ende für ihr deutsches Pendant bedeutet.

Deutsche Lastschrift als Exportschlager


„In Brüssel wächst das Interesse an der kostengünstigen, schnellen und sicheren deutschen Lastschrift. Sie könnte sogar ein Exportschlager des deutschen Zahlungsverkehrs werden", meint Ulrich Keppler, der bei Easycash für Business Development und die Europastrategie zuständig ist.

Auch andere Netzbetreiber haben vergleichbare Flatrate-Tarife, wie sie bei ProMarkt gelten, im Angebot: „Wir können diese Lösungen zu konkurrenzfähigen Preisen offerieren", sagt etwa Thomas Haarmann, Geschäftsführer der Telecash. Und auch Kai Adolph, Vorstand der Intercard AG, deren Risikomanagement in der Kartenszene einen ähnlichen guten Ruf genießt wie das der Easycash, bekräftigt, dass Festpreiskalkulationen bei Großkunden längst machbar seien. „Ob man es dann Festpreis nennt oder nicht, ist eher eine Frage der Kosmetik."

Lesen Sie hier weiter, warum die deutsche Kreditwirtschaft auf die neuen Preismodelle für Kartentransaktionen im Handel reagieren muss.

Hanno Bender

Dieser Artikel erschien im Rahmen des Sonderhefts "Bezahlen im Handel" in der November-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel

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