Unternehmen & Märkte

BUCHHANDEL | 14.10.2012

Kleine Buchhändler trotzen der Online-Konkurrenz

Das Internet macht dem stationären Buchhandel zu schaffen. Kleine Händler mit guten Konzepten können sich dennoch behaupten. Derhandel.de stellt drei Beispiele aus Mainz, Mülheim und Erftstadt vor.

Foto: Marcelo Crescenti

Cliff und Nida Kilian von "Shakespeare und so" in Mainz.

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Schon der Standort sagt einiges über "Shakespeare und so" aus: Die Mainzer Gau­straße ist keine Flaniermeile für die Massen, sondern eine schmucke Seitenstraße der Domstadt - und befindet sich trotzdem in unmittelbarer Nähe zur City und zur Einkaufspromenade Ludwigsstraße.

Auch die Buchhandlung legt keinen besonderen Wert darauf, Ware für die Massen anzubieten: "Wer Fantasy-Titel oder Esoterik-Bücher sucht, wird bei uns nicht fündig", sagt Inhaberin Nida Kilian.

Sie und ihr Ehemann Cliff konzentrieren sich lieber auf das, wofür ihre Kundschaft den Laden schätzt: Belletristik, neue Autoren, spannende Neuerscheinungen sowie Titel, die sie selbst gut finden und weiterempfehlen. Natürlich behalten sie die Bestseller im Blick, sind aber wählerisch: Das neue Buch des Autors Martin Suter liegt in der Auslage, der Softporno "Shades of Grey" dagegen nicht.

60 Quadratmeter Wohnzimmeratmosphäre


Das Wichtigste am Konzept von Shakespeare und so besteht darin, unverwechselbar zu sein: Dem riesigen Angebot im Internet und den großen Flächen bei benachbarten Wettbewerbern wie etwa Hugendubel setzen Nida und Cliff Kilian persönliche Ansprache, individuelle Empfehlungen sowie eine gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre auf 60 Quadratmetern Verkaufsfläche entgegen.

"Wir wissen, was die Kunden wollen", betonen sie. Mit ihrer Strategie meinen sie es ernst: Während des Gesprächs mit Der Handel kommen zahlreiche Kunden vorbei, jeder einzelne wird mit Namen begrüßt. "Wir sehen die Käufer nicht als wandelnde Geldbörsen, sondern als Menschen mit verschiedenen Interessen", philosophiert Nida Kilian. Insbesondere für junge Kunden nehmen sich die Buchhändler viel Zeit, bei dieser Zielgruppe gelte es, die Buchhandlung als inspirierenden Ort schmackhaft zu machen.

"Um jeden einzelnen Kunden kämpfen"


"Große Ketten interessieren sich nicht für die Kunden. Das ist unsere Chance", betont Cliff Kilian. Die Ladenumsätze sind stabil - und dennoch spürt man auch hier den wachsenden Druck durch Amazon & Co. "Ich denke schon, dass Internet und E-Books eine immer größere Konkurrenz sein werden, die auch uns zusetzen wird", sagt Ladeninhaber Kilian.

Seine Frau ist nicht ganz so pessimistisch: "Das Massengeschäft ficht uns nicht an. Wir haben eine stabile Nische." Sie rät Kunden schon mal von Büchern ab oder bietet eine günstigere Ausgabe an - solche vertrauensbildenden Maßnahmen schätzen die Käufer. Eine Kundin, die aus Mainz wegzog, sagte ihnen einst: "Sie haben mich für andere Buchläden verdorben." Über ein solches geradezu literarisches Lob freuen sich die Ladeninhaber.

"Bücherträume" in Mülheim


Die Buchhandlung

Die Buchhandlung "Bücherträume" ist wie eine Wohnung eingerichtet.

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Eigentlich ist die Buchhandlung "Bücherträume" im Mülheimer Stadtteil Broich aus der Not geboren: Als die Buchhändlerinnen Karin Tator und Petra Büse-Leringer Ende Juni 2011 ihre Kündigung bekamen, überlegten sie, wie es weitergehen sollte. "Uns hätte keiner genommen, wir waren zu alt und zu teuer", sagt Petra Büse-Leringer.

"Aber wir hatten viele Ideen, die wir vorher nicht verwirklichen konnten. Und wir hatten Glück, dass es hier im Haus der Wirtschaft die Gründerinnenwerkstatt gibt, bei der wir uns viele wertvolle Tipps holen und Kontakte knüpfen konnten."

In einer eigens für sie umgebauten ehemaligen Schlecker-Filiale konnten sie ihre Einrichtungsideen auf rund 100 Quadratmetern umsetzen: Die Buchhandlung ist wie eine normale Wohnung eingerichtet, die Möbel allesamt aus zweiter Hand. Am Küchentisch finden beispielsweise literarische Frühstücke statt und im Wohnzimmer können die Kunden in Ruhe sitzen und schmökern. "Wir wussten, dass sich viele Leser gerne in Buchhandlungen aufhalten und in die Bücher reinblättern wollen", erläutert Büse-Leringer. "Das haben wir dem Internet voraus."

Regelmäßige Veranstaltungen


Als weiteren Pluspunkt einer "echten" Buchhandlung sieht sie die persönliche Beratung: "Der Buchmarkt ist riesengroß. Unsere Kunden sind daher froh, wenn wir ihnen Tipps geben", berichtet die Buchhändlerin. Darüber hinaus sieht sie das Zusammenleben im Stadtteil und die Vernetzung als wichtige Erfolgsfaktoren: "Dazu gehört ein regelmäßiges Veranstaltungskonzept", ist Büse-Leringer überzeugt.

"Zum Beispiel haben wir die Reihe Leseorte: Dabei treffen wir uns mit Kindern in unserem Laden und gehen gemeinsam an einen besonderen Ort, um dort ein Buch zu lesen." Der nächste Leseort im Rahmen der Feierlichkeiten des ersten Geschäftsgeburtstags, der eine Woche lang mit besonderen Aktionen gefeiert wird, ist eine Kirche.

Eine weitere Veranstaltungsreihe ist "Die Vitrine", die mitten in der "Wohnung" steht. In dem Möbelstück präsentieren im Acht-Wochen-Wechsel Künstlerinnen und Handwerkerinnen ihre Exponate, die die Buchhändlerinnen provisionsfrei verkaufen: Die Ausstellungsobjekte reichen von Schmuck über Textilien bis hin zu Gewürzen. "Die Vitrine ist bis Mitte kommenden Jahres ausgebucht", berichtet die Buchhändlerin.

Sich in diesen schwierigen Zeiten und dieser schwierigen Branche selbstständig gemacht zu haben, bereut die Jungunternehmerin indes nicht: "Ich wünschte mir nur manchmal, dass der Tag mehr Stunden hätte."

„Krise ist ein Thema der Großen"


Im Rahmen der Aktion

Im Rahmen der Aktion "Buch für die Stadt" malten Kunden der Buchhandlung Köhl Bilder zu dem Buch "Überm Rauschen" von Norbert Scheuer.

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Die derzeit vielbeschworene Buchhandelskrise ficht Rolf Köhl von der Buchhandlung Köhl in Erftstadt weniger an: "Das ist vor allem ein Thema der Großen, die produzieren die Negativschlagzeilen", ist der Buchhändler überzeugt. "Die Probleme der Buchhandelsketten sind entstanden, weil sie überhitzt expandiert haben."

Gegen das Internet hingegen sei es schwierig anzukommen: "Ich verstehe nicht, warum in Deutschland so viel online bestellt wird. Wir sind doch ziemlich dicht besiedelt - und bei Büchern zahlt man überall den gleichen Preis."

Der Unternehmer, der seit 30 Jahren in Erftstadt nahe Köln eine Buchhandlung hat und elf Mit­arbeiter beschäftigt, betreibt zur Kundenpflege den Webshop Koehl-buecher.de, veranstaltet regelmäßig Lesungen und Aktionen und bietet einen umfassenden Service.

Vernetzung gegen die Innenstadt-Verödung


Trotzdem fürchtet er eine weitere Verödung der Innenstädte - und sieht daher dringenden Aufklärungsbedarf bei der Kundschaft: "Wenn der nächste kleine Händler zumacht, bedauern das die meisten. Also muss man den lokalen Handel wieder in die Köpfe und Herzen der Menschen bekommen", sagt Köhl. "Man muss dem Menschen bewusst machen, dass wir Händler in der Region modern und leistungsfähig sind."

Die Vernetzung mit anderen Händlern sei da eine gute Möglichkeit: Köhl ist Gründungsmitglied der überregionalen Initiative "Buy Local", in der sich unabhängige Buchhändler aus ganz Deutschland zusammengeschlossen haben. Nach der Buchmesse Mitte Oktober will die Initiative kleine und mittelständische Händler aller Branchen für das Motto "Wir alle sind verantwortlich für unsere Stadt" begeistern.

Kunden für lokales Einkaufen gewinnen


"Wir setzen uns für die Stärkung des inhabergeführten Einzelhandels und für vielfältige und starke Regionen ein", erläutert Köhl. Die Initiative hat dazu ein bundesweites Gütesiegel für lokales Marketing entwickelt: "Wir wollen bei den Kunden ein Bewusstsein dafür schaffen, wo sie einkaufen und welche politischen, gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen ihre Kaufentscheidungen haben."

Denn der Kunde wisse oft nicht, dass seine Kaufentscheidung maßgeblich das Aussehen und die Lebensqualität seiner Region beeinflusst. "Der mittelständische, inha­bergeführte Einzelhandel schafft Arbeitsplätze, und mit unseren Steuern tragen wir und unsere Mitarbeiter dazu bei, dass Kindergärten, Schulen, Freizeit- und Kultureinrichtungen für alle Bürger zur Verfügung gestellt werden können", nennt Köhl als Beispiel. "Außerdem möchte der Kunde, dass sich seine Wohnung von anderen abhebt. Warum soll dann unsere Innenstadt wie jede andere aussehen?", wirbt er für eine lebendige lokale Einzelhandelskultur.

Sybille Wilhelm, Marcelo Crescenti

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