Unternehmen & Märkte

NACHHALTIGKEIT | 24.04.2011

Deutscher Handel holt bei Fairtrade auf

Viele Unternehmen nutzen den Fairen Handel als Einstieg in die Nachhaltigkeitsstrategie. Der Markt ist 2010 wieder zweistellig gewachsen, die Produktpalette wird immer breiter.

Foto:TransFair

TransFair-Chef Dieter Overath (Mitte) freut sich über das zunehmende Engagement deutscher Händler.

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Wenn alles klappt, könnte sich das Leben von Sao Momott demnächst radikal verändern - endlich. Der Siebzigjährige besitzt eine kleine Kakaoplantage im Hinterland von Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt.

Erst vor rund neun Jahren wurde der äußerst brutale Konflikt zwischen Rebellengruppen und Regierung beendet, der Momott wie tausend andere aus seinem Land vertrieben hat. Heute ist Sierra Leone eine der wenigen stabilen Demokratien Afrikas - und den Bauern dort könnte es dank einer Allianz zwischen dem Fairen Handel und der Entwicklungsorganisation Welthungerhilfe bald besser gehen.

Allianz der NGOs


Das Land steht bei Null, stellt Dieter Overath fest, der gemeinsam mit dem Generalsekretär der Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann, Sierra Leone bereiste. Klicken Sie hier für eine Fotoreportage über die Reise.

Unterwegs auf den staubigen Schotterpisten der östlichen Provinz Kenema erklärte ­Jamann gegenüber Der Handel, warum er den Schulterschluss mit Fairtrade sucht: um den Kakao- und Kaffeebauern den Anschluss an den Weltmarkt zu ermöglichen.

Sie allein für den Inlandsmarkt fit zu machen, wird das Hungerproblem hier nicht lösen, hat er erkannt. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung leidet im westafrikanischen Land an Hunger und Unterernährung.

Zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen könnten schon bald auch deutsche Verbraucher beitragen - mit dem Kauf von Fairtrade-Produkten aus dem kleinen afrika­nischen Land. Derzeit wird eine ­größere Pflanzerkooperative in ­Kenema für den Fairen Handel zertifiziert.

Das heißt: Die angeschlossenen Bauern bekommen einen höheren Preis für ihre Erzeugnisse und auch eine Fairtrade-Prämie, die sie für Projekte vor Ort einsetzen können - etwa für den Bau eines Brunnens oder von Lagerhäusern. Die Welthungerhilfe liefert die technische Unterstützung, damit die Agrarerzeugnisse eine bessere Qualität erlangen - und so auch mehr Ertrag liefern.

Gold und Küchenmöbel


Weltweit wächst der Markt für Produkte aus dem Fairen Handel - auch in Deutschland: 2010 sind die Umsätze dem Vernehmen nach um mehr als 20 Prozent gewachsen, genauere Zahlen wird der Siegelverein TransFair Anfang Mai liefern.

Auch der Außer-Haus-Verbrauch ist um 49 Prozent gestiegen, sagt Overath. Das könnte sich positiv auf den Verkauf im Lebensmittelhandel auswirken, hofft der TransFair-Chef: Die Präsenz in Kantinen und Restaurants ist wie eine große, bundesweite Verkostungsaktion: Wer die Produkte dort genießt, kauft sie auch später im Supermarkt.

Doch nicht nur im Lebensmittelhandel soll das Fairtrade-Siegel präsent sein: "Unsere größte Herausforderung ist nun die Verbreiterung der Angebotspalette", betont Overath. Mittlerweile umfasst das Angebot auch Textilien, Rosen oder Kosmetikprodukte. Nun sollen noch zwei überraschende Kategorien dazukommen: Gold und Holz.

Händler hören zu


Hier kooperiert TransFair mit renommierten Partnern, die für den ökologisch korrekten Abbau sorgen, während die Fairtrade-Zertifizierung die Einhaltung von sozialen Standards garantiert, die zum Beispiel Kinderarbeit ausschließen. Partner beim Holz, das in hochwertige Kücheneinrichtungen eingearbeitet wird, ist der Forest Stewardship Council, der das bekannte FSC-Siegel herausgibt.

Beim Goldschmuck besteht eine Zusammenarbeit auf internationaler Ebene mit der Initiative Fairmined, die das Produkt aus kleinen Minen in Südamerika bezieht.

Vor rund einem halben Jahr kritisierte TransFair-Chef Overath den deutschen Handel und betonte, hierzulande gebe es großen Nachholbedarf in puncto Fairtrade. Heute relativiert der umtriebige Geschäftsführer seine Aussage: "Es gibt derzeit keinen größeren Händler in Deutschland, der nicht mit uns spricht."

Zum einem seien der Trend zu mehr Nachhaltigkeit, zum anderen die Furcht vor Skandalen oft die Trieb­federn hinter dieser Entwicklung. In Deutschland gebe es jedoch noch viel zu tun, bis die Marktanteile in Ländern wie Großbritannien oder der Schweiz erreicht würden, mahnt der Fair­trade-Pionier.

Marcelo Crescenti

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe von Der Handel erschienen. Hier können Sie ein Probeheft bestellen.

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