Unternehmen & Märkte

NAHVERSORGUNG | 12.08.2012

Dorfläden: Nahversorger mit Sozialromantik

Schon seit einiger Zeit erleben Dorfläden eine Renaissance. Neuen Schub bekommt die Bewegung durch die Schlecker-Pleite. Denn in vielen Orten war der Drogeriemarkt die letzte Einkaufsmöglichkeit.

Foto: Tegut

Das Dorfladen-Konzept von Tegut (hier im hessischen Ort Gertenbach) ist auf Flächen bis 300 Quadratmeter ausgelegt.

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Ob im Süden oder im Norden der Republik - auf Dorfläden spezialisierte Handelsberater spüren derzeit einen deutlichen Nachfrageanstieg. Allein von Mai bis Ende Juli haben in Bayern sechs Dorfläden neu eröffnet, berichtet Einzelhandelsberater Wolfgang Gröll. Fünfzig seien derzeit in Vorbereitung.

Einen Grund für den aktuellen Dorfladen-Boom sieht Gröll in der Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker. "Die hat in vielen kleinen Ortschaften wenigstens einen Teil der Nahversorgung gesichert", sagt der Berater, der sich auf Dorf- und Bürgerläden spezialisiert hat.

Kürzlich wurde bekannt, dass 35 ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen leerstehende Läden der Drogeriekette in einem Genossenschaftsmodell weiterführen wollen. "Wir haben in Baden-Württemberg eine ganze Reihe von Standorten identifiziert, die für eine Fortführung infrage kommen", hieß es von der Gewerkschaft Verdi, die das Vorhaben unterstützt. Schon in den nächsten Wochen soll es mit den ersten fünf Läden losgehen.

Wenig Interesse bei Filialisten


Angesichts des demografischen Wandels droht sich die schon heute prekäre Versorgungssituation in vielen ländlichen Regionen Deutschlands künftig noch zu verschärfen. Für immer mehr ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität könnte die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zum ernsten Problem werden. 

Die großen Supermarkt- und Discountfilialisten machen um abgelegene und schwach besiedelte Landstriche schon lange einen großen Bogen. Eine Ausnahme bildet der Fuldaer Lebensmittelhändler Tegut, der sein Kleinflächenkonzept "Lädchen für alles" bis Ende 2012 auf 30 Standorte ausdehnen will.

Dort, wo es keine solchen Konzepte gibt, werden deshalb die Bürger immer öfter selbst aktiv. Bundesweit schätzt der Kieler Einzelhandelsexperte Martin Schramm von der BBE Handelsberatung die Zahl der von Bürgern gegründeten Dorfläden auf mehrere hundert. Genaue Statistiken gebe es allerdings nicht.

Die meisten Dorfläden haben Bestand


Die Organisationsformen seien dabei sehr unterschiedlich. Sie reichten von genossenschaftlichen Läden in Bayern bis zu Geschäften in gemischter Trägerschaft. So würden etwa die 29 sogenannten "Markttreff"-Läden in Schleswig-Holstein von den Kommunen zusammen mit Bürgern betrieben.

Lange Zeit hatte die Dorfladen-Bewegung ein Schattendasein geführt - auch weil sich viele Menschen nicht vorstellen konnten, dass ein von Bürgern getragenes Geschäft dauerhaft funktioniert. Das Vorurteil, Dorfläden hielten nie lange durch, ist nach der Erfahrung von Handelsberater Gröll genauso falsch wie die Behauptung, die genossenschaftlich geführten Bürgerläden seien teurer als klassische Supermärkte. "Mehr als 90 Prozent der in den vergangenen 15 Jahren gegründeten Dorfläden existieren noch", berichtet Gröll.

Auch Grölls Beraterkollege Schramm, der die "Markttreffs" in Schleswig-Holstein dabei unterstützt, betriebswirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen, sieht die Aussichten für die Bürgerläden positiv. "Zehn Marktreffs sind derzeit in Planung", berichtet er.

Von den derzeit 29 Läden sehe es derzeit nur bei drei in wirtschaftlicher Hinsicht kritisch aus. Auch andere Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen haben Förderprogramme aufgelegt, um die wohnortnahe Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu sichern. 

Beispiel Simonshofen


Wie in vielen kleinen Gemeinden erlebte auch Simonshofen bei Nürnberg ein Ladensterben auf Raten: Erst machte der Bäcker dicht, bald darauf gab der Metzger auf. Vor zehn Jahren sperrte schließlich auch der Tante-Emma-Laden für immer zu.

Wer seinen Kühlschrank füllen wollte, war in dem 700 Einwohner zählenden Laufer Stadtteil auf die Geschäfte im fünf Kilometer entfernten Lauf an der Pegnitz angewiesen - ohne Auto ging nichts.

Inzwischen können die Simonshofer ihre Einkäufe wieder zu Fuß erledigen. Möglich macht das seit zwei Jahren ein Dorfladen - gegründet und betrieben von den Bewohnern. Mit dem auf regionale Produkte spezialisierten Lebensmittelgeschäft hat der Ort zugleich einen neuen Mittelpunkt erhalten.

"Der Laden läuft gut", erzählt Waltraud Orth. Sie ist Mitglied im dreiköpfigen Vorstand der "Dorfmarkt"-Genossenschaft. An manchen Tagen hat der Markt mehr als 200 Kunden. Was den Laden besonders attraktiv macht: Er bietet mehr als 50 Produkte von Erzeugern aus der Region an. Der Jahresumsatz des in einem früheren Kuhstall untergebrachten "Dorfmarktes" lag zuletzt bei 30.000 Euro. "In diesem Jahr dürften wir auf einen kleinen Gewinn kommen", schätzt Orth.

Dorfbewohner in der Pflicht


Der konventionelle Einzelhandel sieht die Entstehung neuer Dorfläden keineswegs als Konkurrenz an. "Wir sehen, dass wir durch Landflucht und die demografische Entwicklung die Nahversorgung auf dem Land neu organisieren müssen", meint der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Kai Falk.

Die Gründung eines Dorfladen sei hier ein wichtiger Schritt. Der Einzelhandelsverband in Bayern sieht das ganz ähnlich, warnt aber zugleich vor zu viel "Sozialromantik": "Das Ganze muss gut durchgerechnet werden", gibt der Geschäftsführer Bernd Ohlmann zu bedenken. "Alles steht und fällt mit den Kunden."

DH mit Material von dpa

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