Unternehmen & Märkte

SCHLECKER-NACHNUTZUNG | 26.08.2012

"Nicht jede Schlecker-Frau taugt zur Unternehmerin"

Von der Gewerkschaft Verdi ermuntert, wollen einige Dutzend Ex-Schlecker-Mitarbeiterinnen ihre alten Filialen als Nahversorgungsläden wiedereröffnen. Experten warnen vor zu viel Euphorie über diese Pläne.

Ehemalige Schlecker-Filialen eignen sich nur bedingt als Dorfläden, glauben Fachleute.

Ehemalige Schlecker-Filialen eignen sich nur bedingt als Dorfläden, glauben Fachleute.

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"Schlecker raus, Dorfladen rein, das klingt schön einfach, aber für die Umsetzung muss man sich jeden Standort genau ansehen", sagt der Unternehmensberater Michael Gschwinder. Er warnt vor überzogenen Erwartungen an Pläne, aufgegebene Schlecker-Filialen in Dorfläden umzuwandeln.

Ohne Rückhalt in der Dorfgemeinschaft sind Dorfläden zum Scheitern verurteilt, sagt Gschwinder. Der Fachmann vom Handelsverband Baden-Württemberg berät Unternehmensgründer.

Zurzeit liegen zwei Anfragen von ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen auf seinem Schreibtisch, die Stadtteil-Filialen übernehmen wollen. Zudem berät er ein Dorf, das in einem aufgegeben Schleckermarkt einen Laden eröffnen will.

"Gewinne im Cent-Bereich"


Ein Dorfladen funktioniert nach Erfahrung von Gschwinder nur, wenn die Gemeinschaft hinter dem Projekt steht. Deshalb rät er dazu, solche Läden als Genossenschaft oder Verein zu führen. "Es muss ein Wir-Gefühl entstehen, nach dem Motto: Wir kaufen in unserem Laden ein."

Zudem könnten solche Läden oft ohne ehrenamtliche Unterstützung gar nicht überleben. "Wir reden hier über Gewinne im Cent-Bereich." Früheren Schlecker-Mitarbeiterinnen könne man den Aufbau eines solchen Ladens in der Regel "nicht mit gutem Gewissen empfehlen".

Als weiteres Kriterium nannte der Unternehmensberater die Transparenz. "Die Dorfgemeinschaft muss wissen, wie viel Umsatz nötig ist, damit der Laden geführt werden kann." Um zu bestehen, müssten auch jene Dorfbewohner dort einkaufen, die ansonsten mit dem Auto zum nächstgelegenen Supermarkt fahren. "Denn jene Gruppe, die wirklich auf einen Dorfladen angewiesen ist, vor allem ältere Menschen, ist zu klein, um ein solches Geschäft am Laufen zu halten."

Standort und Person müssen passen


Die Option, dass ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen Filialen in eigener Regie als Drogeriemärkte weiterführen, hält Gschwinder für durchaus umsetzbar. "Dafür müssen jedoch zwei Dinge zusammengekommen: Der Standort muss passen und die Person muss stimmen." Nicht jede Filialleiterin tauge zur Unternehmerin, und nicht jede Lage sei vorteilhaft. "Die Schlecker-Märkte sind ja nicht von ungefähr in eine Schieflage geraten."

Wer von den ehemaligen Mitarbeitern mit dem Gedanken an eine Selbstständigkeit spiele, könne sich seit Mai einen Tag lang kostenlos beraten lassen, sagte Gschwinder. "Das reicht natürlich nicht, um danach einen Laden zu führen, aber wir können in dieser Zeit gut abschätzen, welche Chancen solche Pläne haben."

Pilotprojekt in Baden-Württemberg


Rund 100 frühere Schlecker-Filialen im Südwesten sollen nach Plänen der Gewerkschaft Verdi künftig als kleine Nahversorgungsläden weitergeführt werden. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft haben bisher rund 40 frühere Schlecker-Mitarbeiterinnen Interesse an dem Vorhaben bekundet.

Sie wollen frühere Drogeriemärkte mit neuem Logo und dem Sortiment eines klassischen Dorfladens neu öffnen. Bis Ende Oktober sollen mindestens drei Läden das Modell erproben. Weitere könnten nach den Plänen bis Weihnachten folgen.

"Wir wollen auf jeden Fall beteiligungsorientiert wirtschaften", sagte Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier. Startkapital kommt unter anderem von Verdi, der katholischen und der evangelischen Betriebsseelsorge sowie der Linkspartei. Zudem sollen auch Kunden Anteile erwerben können.

"Zu alt für H&M, zu dick für Zara"


Nach Angaben von Verdi werden etwa 3.000 Euro Startkapital pro Filiale veranschlagt. Auch die IG Metall und die Landesregierung sind eingeschaltet.

Ob frühere Schlecker-Mitarbeiterinnen dann als Angestellte oder selbst als Unternehmerin arbeiten, ist derzeit noch offen, wie Unternehmensberater Wolfgang Gröll sagte. Ebenfalls unklar sei, ob die Läden eigene Marken verkaufen oder auf bestehende Schlecker-Eigenmarken zurückgreifen.

Das Vorhaben ist zunächst auf Baden-Württemberg begrenzt. Bundesweit gibt es Verdi zufolge aber rund 1.000 Standorte, die für eine Weiterführung infrage kämen.

Auch in Sachsen und Thüringen wird über die Gründung neuer Genossenschaften zur Übernahme bisheriger früherer Schlecker-Filialen nachgedacht. Breymaier beschreibt die Interessentinnen wie folgt: "Ich bin zu alt für H&M, ich bin zu dick für Zara, aber ich will schaffen."

Nichts soll an Schlecker erinnern


Die frühere Schlecker-Mitarbeiterin Heike Hirning erklärte, die Nachfrage nach neuen Dorfläden sei groß. 20 Jahre habe sie in einer Filiale in Schwaikheim im Rems-Murr-Kreis gearbeitet. "Da wohnen sehr viele Ältere und die vermissen das sehr."

Ihre ehemalige Kollegin Doris Dolch sieht das ähnlich. Sie will eine Filiale im nahe gelegenen Plüderhausen als Tante-Emma-Laden neu öffnen. "Eine Sitz- und Spielecke" wolle sie einrichten, sagte die 54-Jährige. "Ich bin aus einer Generation, die Tante Emma noch kennt."

Ob das alte Schlecker-Logo noch irgendwo im neuen Laden auftauchen soll? "Nein. Nichts Blaues, kein Schlecker", betonte Dolch. "Dazu ist zu viel passiert."

dpa

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