Unternehmen & Märkte

QUELLE-INSOLVENZ | 07.03.2010

Wie Fürth aus dem Quelle-Schatten treten will

Fürth war Quelle, Quelle war Fürth. Nach der Insolvenz des Versandhauses muss sich die Stadt neu erfinden. Und der Einzelhandel kämpft um ein innerstädtisches Center.

Alter Quelle-Slogan, Foto: Steffen Gerth

Abgewickelt und zugeklebt: Niemand schaut mehr, was Quelle hat.

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Für die kurze Zeitreise ist nur das Öffnen einer Tür notwendig. Sofort wird man von einer Architektur empfangen, mit der in den Achtzigerjahren viele Bausünden begangen worden sind: Milchkaffeebraune Fußbodenfliesen, rauer Beton, verwinkelte Gänge - und wenig Licht.

Auch in Fürth fand man vor 25 Jahren, dass ein Einkaufszentrum so aussehen muss. Heute sagt Norbert Staudt, dass das City-Center "das am besten versteckte Einkaufszentrum Deutschlands ist". Staudt betreibt in Fürth ein Traditionsgeschäft für Geschenkartikel und ist Sprecher des Einzelhandelsverbandes der Stadt.

Das versteckte Center


In der Tat vermutet ein nicht ortskundiger Passant hinter den unscheinbaren Eingängen des City-Centers niemals ein Einkaufszentrum mit rund 25.000 Quadratmetern Fläche. Attraktiv ist hier nichts mehr, das Untergeschoss des dreistöckigen Gebäudes wirkt am wenigsten einladend. Auch die Pinte "Bierquelle" wartet noch auf Gäste.

"Das Center muss dringend aufgewertet werden", sagt Petra Büttner-Krauss, die wenige Meter weiter in der Innenstadt ihr Fachgeschäft "Das Bad und mehr" betreibt und zu 16 Unternehmer gehört, die den Arbeitskreis der "Kreativen Einzelhändlerinnen in Fürth" bilden.

Vor allem für den Einzelhandel in Fürth ist das City-Center das Symbol für den Neuanfang einer Stadt, die Ende 2009 ein gewaltiges Stück ihrer Identität verlor: Quelle. Fürth war Quelle, Quelle war Fürth. Nun ist dieser einstige Versandriese tot, und der Händler Staudt findet die Idee gut, dass die Stadt mit 114.000 Einwohnern jetzt die große Chance hat, sich neu zu profilieren. Raus aus dem Quelle-Schatten, kann die Devise nur heißen.

Konkurrenz durch das nahe Erlangen


Es wird auch Zeit. Denn Fürth hat nicht nur mit Nürnberg einen nachbarschaftlichen Rivalen als Einkaufsstadt. Im September 2007 wurden im nur 18 Kilometer entfernten Erlangen die "Erlangen Arcaden" eröffnet - und saugen seitdem Kaufkraft ab.

Die Arcaden des Centerentwicklers mfi AG offenbaren den großen Fürther Mangel an Textilgeschäften. Das belegt auch eine GfK-Studie aus dem Juli 2009, in der ein Defizit an "junger, attraktiver Mode" festgestellt wurde. Die GfK hat zudem ermittelt, dass die Stadt in den vergangenen zehn Jahren rund 5.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche verloren hat. Heute gibt es in der Fürther Innenstadt lediglich 53.000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Die Konsumforscher schlussfolgern, dass die fränkische Stadt ein Center mit etwa 21.000 Quadratmetern Fläche benötigt, um den Kaufkraftabfluss nach Nürnberg zu stoppen.

Keine "Neue Mitte"


Doch bei der Frage, welches Center es sein soll, gab es in Fürth heftigen Streit. Das Innenstadtgroß­projekt mit dem Namen "Neue Mitte" (vom Projektentwickler Sonae Sierra geplant) wurde im Juni 2009 beerdigt - auf Druck einer Bürgerinitiative und vor allem, weil ein Immobilienbesitzer sich dem Verkauf seines Objektes verweigerte.

Petra Büttner-Krauss beschreibt die Zerrissenheit der Fürther Händlerschaft bei der Neuen Mitte. "Wir hätten von der Vielfalt des Angebotes dort profitiert", sagt sie. Aber als gelernte Bauzeichnerin hatte sie ein ästhetisches Problem mit der geplanten Fassade für die rund 25.000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Das viele Glas hätte ihrer Meinung nach nicht mit den vielen alten Sandsteingebäuden in der Fürther Innenstadt harmoniert, die im Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zum angrenzenden Nürnberg nur geringfügig zerstört worden ist.

Gute Kaufkraft


Nun ruht die Hoffnung des Einzelhandels auf dem Umbau des verödeten City-Centers. Im Dezember 2009 haben alle 353 Eigentümer (davon elf Immobilienfonds) ihre Einwilligung zum Verkauf des Gebäudes gegeben. Sonae Sierra soll ab Herbst dieses Jahres aus dem verwinkelten Haus eine schöne, neue Einkaufswelt für 80 bis 90 Geschäfte bauen.

Das wird eine architektonische Herausforderung - eine endgültige Entscheidung von Sonae Sierra gibt es freilich noch nicht. Die Redaktion von Der Handel wollte von Geschäftsführer Thomas Binder wissen, ob sein Unternehmen mittlerweile nicht lieber in das leer­ stehende ehemalige Quelle-Kaufhaus investieren will.

Das befindet sich schon auf Nürnberger Gebiet, bietet 18.000 Quadratmeter Fläche - und weniger Renovierungsbedarf. Eine Antwort von Binder steht immer noch aus.

Wohin mit den Händlern?


Das Center in Fürth birgt noch ein Problem: Wo sollen die verbliebenen über 50 Geschäfte während der Umbauphase ihren Betrieb weiterführen? Die Stadt hat zwar Ausweichquartiere gemietet. Doch das dafür unter anderem vorgesehene Fiedler-Areal in der Innenstadt umfasst nur 3.500 Quadratmeter Fläche.

Karin Hackbarth-Herrmann plant, dass dieses Einzelhandelsprovisorium gut anderthalb Jahre anhalten wird - so lange dauert die Umbauzeit. "Aber wir brauchen dieses Center", sagt die Fürther Projektbeauftragte für den Einzelhandel in der Innenstadt.

Die vielen inhabergeführten Läden im Zentrum sind zu klein für den Flächenbedarf der großen Modefilialisten - aber die Kaufkraft der Stadt verdient ein gutes Angebot: Der Fürther Kaufkraftindex betrug noch vor zwei Jahren 108 - Nürnberg kam nur auf den Indexwert 105. Karin Hackbarth-Herrmann hat zudem nach dem Zusammenbruch von Quelle einen neuen Lokalpatriotismus bei den Fürthern ausgemacht: "Die Leute kaufen wieder bewusst in ihrer Stadt."

Mehr Arbeitslose


Noch, denn die Fachhändlerin Büttner-Krauss befürchtet, dass die Quelle-Pleite sich in diesem Jahr negativ in den Umsätzen bemerkbar machen wird. Zwar sind von den rund 2.000 entlassenen Fürther Mitarbeitern nur 1,5 Prozent Einwohner der Stadt - doch viele der ehemals 4.000 Beschäftigten des Versenders wohnen eben im Landkreis Fürth und kamen bisher zum Einkaufen in die Stadt.

Im Januar schnellte die Arbeitslosenquote in Fürth im Vergleich zum Dezember 2009 um 12,7 Prozent auf insgesamt 8,8 Prozent. Im Landkreis stieg die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vormonat gar um 28 Prozent an. 4,8 Prozent der Einwohner dort waren ohne Job. "So eine Entwicklung hatten wir noch nie", klagte der Chef der Fürther Arbeitsagentur Günther Meth.

Und wenn die ehemaligen Quelle-Mitarbeiter neue Jobs finden, dann müssen sie oft mit "600 bis 1.000 Euro netto im Monat weniger rechnen", sagt Matthias Klar, Sprecher der Arbeitsagentur Nürnberg und berichtet von einer großen Depression unter den ehemaligen Quelle-Beschäftigten.

Chaos in den letzten Quelle-Tagen


Chaotisch ging es in den letzten Tagen des Versenders zu: Mitarbeitern wurde von ihren Vorgesetzten per SMS mitgeteilt, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen bräuchten. Am Folgetag kam dann eine neue Kurznachricht mit der Bitte, doch wieder zur Arbeit zu erscheinen.

Petra Büttner-Krauss berichtet von einer Verwandten, die sich als frühere Quelle-Mitarbeiterin anderswo bewerben will und dafür ein Arbeitszeugnis ihres bisherigen Arbeitgebers benötigt. Doch bei Quelle ist keiner mehr beschäftigt, der ihr ein solches Papier ausstellen kann.

Steffen Gerth

Der Text erscheint in der März-Ausgabe von Der Handel
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