Unternehmen & Märkte

REFORMHAUS-JUBILÄUM | 18.08.2012

Reformhäuser wollen junge Frauen als Kundinnen

Zwischen Genusstempel und Alternativ-Apotheke: 125 Jahre nach ihrer Gründung sucht die Reformhausbranche nach einem neuen Profil. Drogerien und Bio-Supermärkte haben sie in Bedrängnis gebracht.

Foto: Neuform

Das älteste noch bestehende Reformhaus Deutschlands, J. W. Kumpf in Offenbach.

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Vom Wachstum des Bio-Marktes haben die Reformhäuser in den vergangenen Jahren nicht in gleichem Maß profitiert wie Drogerie- und Biomärkte oder der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel.

125 Jahre nach der Gründung der "Gesundheits-Zentrale" in Berlin - dem Vorläufer - wirkt so manches Reformhaus recht altbacken. Die Genossenschaft Neuform in Oberursel hat das erkannt und steuert dagegen - mit genussvolleren Sortimenten und einem radikalen Imagewandel.

"Bühnen des Zeitgeistes"


"Wellnessorientierte Einkaufsstätten und Bühnen des Zeitgeistes" müssten Reformhäuser heute sein, glaubt Neuform-Vorstand Rainer Plum. Mit ihrem Namen sollten Kunden "nicht mehr den 62-Jährigen Mann mit Blasenschwäche" verbinden, sondern "die 35 Jahre alte berufstätige Mutter als Social-Media-affine Familiengesundheitsmanagerin". 

Ob der moderne Marketingansatz den Begründern der Reformhausidee - engagierte Vegetarier und Verfechter der FKK-, Barfuß- und Naturheilkundebewegung - zugesagt hätte, mag dahingestellt sein. Nach dem Motto "Zurück zur Natur" hatten sie einst eine Gegenbewegung zu Industrialisierung und Verstädterung im Sinn. 

Handlungsbedarf besteht aber in der Tat, wenn man sich die Entwicklung der Reformhausbranche über die vergangenen Jahrzehnte betrachtet. So gab es in der Hochzeit der Reformhäuser in den 1980er-Jahren noch 2.500 Reformhäuser. Inzwischen sind es noch gut 1.000, rund 1.500 sollen es in einigen Jahren wieder sein. Hoffnung gibt es immerhin: Seit 2009 steigt der Umsatz allmählich wieder. 

Heterogene Zielgruppe


Als Umsatzziel peilt Plum mittelfristig eine Milliarde Euro an. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg: Für das laufende Jahr prognostiziert der Verband ein Plus von knapp zwei Prozent auf 615 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr betrug der Zuwachs schon gut zwei Prozent.

Die Kernzielgruppe schätzt der Neuform-Vorstand auf bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, die auf ökologische, nachhaltige und faire Produkte Wert legten. Auch das wachsende Gesundheits- und Umweltbewusstsein sowie Lebensmittelunverträglichkeiten böten Wachstumschancen. Zugleich steige die Zahl der Teilzeit-Vegetarier, Hedonisten und Ausdauersportler, die sich im Reformhaus eindeckten. Der demografische Wandel und das Fachgeschäftesterben setzten dem Wachstum allerdings auch Grenzen.

Fachleute bewerten das Potenzial der Reformhäuser unterschiedlich. Prof. Ulrich Hamm, Fachmann für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Uni Kassel, sagt ihnen eine schwierige Zukunft vorher, weil ihnen ein klares Profil fehle. Auch der medizinisch-technische Fortschritt habe den Läden zugesetzt, so seien etwa Diabetiker-Produkte weitgehend vom Markt verschwunden.

Beratung bleibt Kernkompetenz der Reformhäuser


"Die Stärke der Reformhäuser war die Beratung", sagt Hamm. In Zeiten von Internet und Smartphones könnten sich die Menschen aber schnell selbst die gewünschten Informationen verschaffen.

Vertriebsleiter Fabian Ganz vom Marktforschungsinstitut Biovista sieht das anders. So sei die Beratung im Reformhaus besonders kompetent, das Angebot unschlagbar und auf das Qualitätssiegel sei Verlass. "Ärzte schicken ihre Patienten beispielsweise bei Lebensmittelunverträglichkeiten direkt ins Reformhaus."

In einigen Reformhäusern kann sich der Kunde schon an öffentlichen Terminals über jedes Produkt genau informieren, berichtet Neuform-Vorstand Plum. Die Branche setze zudem auf ihre Kernkompetenz, die freundliche Fachberatung der an der Reformhaus-Fachakademie ausgebildeten Verkäufer. Neuform sei zudem neuerdings nicht mehr Eigenmarke der Reformhäusergenossenschaft, sondern das neue Qualitätszeichen.

Seither könnten diese Produkte auch von anderen Handelsunternehmen verkauft werden. Davon und von der steigenden Nachfrage nach Naturkosmetik erhoffe sich Neuform auch Wachstumsimpulse.

Chia-Samen und Goji-Beeren


"Die Kernkompetenzen der Reformhäuser sind Kosmetik und Ernährung jenseits von Bio", betont Anja Kirig vom Zukunftsinstitut in Kelkheim. Sie sieht die Chancen in der Entwicklung zu Alternativ-Apotheken. "Superfoods" - Nahrungsmittel mit gesundheitlichen Vorteilen - und natürliche Nahrungsergänzungen wie Chia-Samen oder Goji-Beeren passten wunderbar in das Angebot.

Je nach Größe haben die Reformhäuser 4.000 bis 8.000 Produkte im Sortiment. Gut die Hälfte davon sind Lebensmittel - davon wiederum ungefähr acht Prozent frische. 19 Prozent entfällt auf Naturkosmetik, der Rest auf Naturarznei und Nahrungsergänzungsmittel.

Weniger als 10 Prozent der Geschäfte haben die rein vegetarische Linie verlassen und verkaufen auch Bio-Fleisch und -Wurst. Denn die Vielfalt der Reformhäuser wächst. Die kleinen in Top-City-Lagen oder Bahnhöfen punkten mit kleinen Bistros. Andere haben Bio-Supermärkte integriert. Und das Angebot der Großen reiche von der Saft-, Wasser- und Olivenöl-Bar über unterschiedlich gekühlte Weinregale bis zur Naturkosmetikbehandlung.

DH mit Material von dpa

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