Unternehmen & Märkte

SCHLECKER-INSOLVENZ | 29.06.2012

"Es hätte Schlecker nicht gerettet"

Anlässlich der Schlecker-Pleite sprach die Redaktion von derhandel.de mit dem Insolvenzrechtsexperten Detlef Specovius über die Aussichten von IhrPlatz und die neuen Regeln zur Sanierung von Unternehmen.

Foto: Hanno Bender

Auch das neue Insolvenzrecht hätte das Ende von Schlecker nicht verhindert.

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Nachdem bei Schlecker und auch Schlecker XL die Lichter nun ausgegangen sind, wird noch über das Schicksal von IhrPlatz verhandelt. Welche Möglichkeiten gibt es?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn es gelingt, mit dem neu aufgetretenen Investor zu einer Einigung zu kommen, wird der Geschäftsbetrieb an ihn veräußert und kann weitergeführt werden. Die andere Variante wäre, dass der Investor kurzfristig absagt oder zu lange für eine Entscheidungsfindung braucht. Dann würde es auch bei IhrPlatz zu Einstellung des Geschäftsbetriebs und einer Abwicklung kommen -  wie es bei Schlecker geschehen ist.

Was wird in einem Übernahmevertrag zwischen Investor und Insolvenzverwalter üblicherweise geregelt?
Es ist denkbar, dass IhrPlatz vollständig veräußert wird und der Investor auch schwächere Standorte mit übernimmt. Eine andere Option wäre eine Teilübernahme bei der nur aussichtsreiche Niederlassungen weitergeführt werden und der Rest vom Insolvenzverwalter stillgelegt würde. Der neue Eigentümer erwirbt in solchen Fällen die Warenbestände, das Inventar und übernimmt auch die Arbeitsplätze. Das Hauptproblem bei solchen so genannten „Assetdeals" in der Handelsbranche sind die Mietverträge. Hier gibt es keine Rechtsnachfolge, der Investor muss daher mit jedem einzelnen Vermieter verhandeln, ob und zu welchen Konditionen er in den Mietvertrag eintreten kann.

Das ist doch gerade bei guten Standorten ein erhebliches Risiko für den Übernehmer?
Ein Risiko und eine Sisyphusarbeit. Die Verträge sind mit der IhrPlatz GmbH & Co. KG geschlossen. Da es diese nach Abschluss der Insolvenz nicht mehr gibt, kann sich der Vermieter grundsätzlich einen neuen Vertragspartner aussuchen. Was allerdings möglich ist, sofern die Mietverträge es zulassen, wäre Untermietverträge mit dem insolventen Unternehmen abzuschließen. Dies wiederum ist jedoch ein wirtschaftliches Risiko für den Insolvenzverwalter, der das Verfahren dann nicht beenden kann. In der Praxis wird so eine Lösung daher allenfalls zeitlich befristet zum Tragen kommen.

Im Fall Schlecker wurde die Qualität eines Sanierungsgutachtens von McKinsey in den Medien diskutiert. Welche Rolle spielen solche Beratergutachten für die Tätigkeit des Insolvenzverwalters?
Häufig werden solche Gutachten schon vor der Insolvenz erstellt. Sie geben dann in der Regel einen guten Überblick über das Unternehmen und die Problemlagen. Wenn im Gutachten bereits konkrete Sanierungsmaßnahmen enthalten sind, prüft man als Insolvenzverwalter, ob sich diese Vorschläge umsetzen und insbesondere finanzieren lassen. Bei Handelsunternehmen kann das beispielsweise eine Straffung des Sortiments sein, wenn Marken oder Produkte gelistet sind, mit denen ohnehin kein Geld verdient wird.

Sie haben unter anderem bei SinnLeffers Erfahrungen in der Sanierung von Handelsunternehmen gesammelt. Wie geht man dabei generell vor?
Restrukturierungen sind von Fall zu Fall unterschiedlich, viel hängt auch von der Ursache der Insolvenz ab. Wenn man in ein Unternehmen hereinkommt, in dem bereits ein aussichtsreiches Sanierungskonzept verfolgt wurde, dann ist das für einen Insolvenzverwalter der optimale Zustand. Ein ganz anderer Fall ist es, wenn man in ein Unternehmen wie Schlecker kommt, das schon seit Jahren strategisch in die falsche Richtung läuft. Dann muss der Insolvenzverwalter in kurzer Zeit retten, was zu retten ist. Als erstes spricht man mit Mitarbeitern und Lieferanten, um die Leute an Bord zu halten und den Geschäftsbetrieb Aufrecht zu erhalten. In den Gesprächen mit den Beschäftigen erhält man dann schnell einen Überblick über die notwendigen Schritte. Wenn Beratergutachten vorliegen, prüft man auch diese. Im Handel kann man mit kurzfristigen Maßnahmen jedoch wenig erreichen

Foto: Schlutz & Braun

Detlef Specovius verfügt über langjährige Erfahrung als Sanierer u.a. von SinnLeffers

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Welche Fehler beobachten Sie bei Sanierungsfällen im Handel?
Man muss immer wieder prüfen, welche Filialen rentabel sind und gute Umsätze erzielen. Das Geld, das aus den guten Filialen entnommen wird, um unprofitable Standorte mitzufinanzieren, fehlt für Investitionen in die gut laufenden Geschäfte. Wer 15 Jahre lang nicht in die Filialen investiert, wird dort keine hochwertigen Waren mehr verkaufen können. Daher braucht man eine verlässliche Datenbasis. Daran fehlte es wohl bei Schlecker auch, die haben gar nicht gewusst, wo sie Geld verbrennen und wo noch Geld verdient wird. Es ist im Handel aber von existenzieller Notwendigkeit zu wissen, mit welchen Filialen und mit welchen Produkten der Ertrag verdient wird.

Welche neuen Möglichkeiten eröffnet das im März dieses Jahres in Kraft getretene Gesetz zur Erleichterung der Unternehmenssanierung (ESUG) im Krisenfall?
Zum einen wird die Gläubigerautonomie gestärkt. Beispielsweise muss ein so genannter vorläufiger Gläubigerausschuss eingerichtet werden, der viel umfangreichere Rechte besitzt als das früher der Fall war. Er kann dem Gericht etwa vorschreiben, wer im Verfahren der vorläufige Insolvenzverwalter werden soll. Zum anderen soll das Insolvenzplanverfahren deutlich gestrafft werden, indem Rechtsmittelmöglichkeit gestrichen wurden. Der dritte Punkt ist die Stärkung der Eigenverwaltung, um dem Schuldner einen Anreiz zu geben, das Verfahren frühzeitig selbstständig einzuleiten. Bei drohender Zahlungsunfähigkeit, kann der Schuldner schließlich ein so genanntes Schutzschirmverfahren einleiten.

Was beinhaltet so ein Schutzschirmverfahren?
Ziel ist es, dass Unternehmen, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind, frühzeitig einen Insolvenzantrag stellen, um sich mit Hilfe eines Insolvenzverfahrens zu sanieren. Der Vorteil des Schutzschirmverfahrens ist dabei, dass die Geschäftsführung unter Aufsicht eines - auch von ihr vorgeschlagenen - vorläufigen Sachwalters innerhalb von drei Monaten die Sanierung mit Hilfe eines Insolvenzplans vorbereiten kann, ohne die Kontrolle über das Unternehmen zu verlieren. Ein weiterer Vorteil: Das Schutzschirmverfahren wird nicht im Bundesanzeiger veröffentlicht.

Hätten dieses neuen Instrumente das Aus von Schlecker verhindern können?
Nein. Es hätte Schlecker nicht gerettet, weil das Unternehmen, soweit bekannt, völlig unkontrolliert in die Insolvenz gelaufen ist. Schon die Rechtsform des eingetragenen Kaufmanns hätte die Anwendung einiger Neuerungen des ESUG, wie zum Beispiel des so genannten "Debt-to-equity-Swap", bei dem die Forderungen der Gläubiger in eine Unternehmensbeteiligung umgewandelt wird, erschwert. Insofern hätte Schlecker keinen Vorteil von den neuen Regeln gehabt. Nur wer die Sanierung plant und organisiert kann diese neuen Regeln nutzen, die eine neue Sanierungskultur in Deutschland etablieren sollen. Derzeit werden viele Insolvenzanträge zu spät gestellt - quasi um fünf nach Zwölf, statt um fünf vor Zwölf. Hier will das ESUG ansetzen.

Was würden Sie angeschlagenen Handelsunternehmen, die sich restrukturieren wollen, raten?
Wenn die Probleme eine finanzwirtschaftliche und keine konzeptionelle Ursache haben, sollte sich die Geschäftsführung ernsthaft mit den neuen Möglichkeiten nach dem ESUG auseinandersetzen. In einem Insolvenzplanverfahren kann beispielsweise das angesprochene Problem des Übergangs der Mietverträge gelöst werden, da der Vertragspartner erhalten bleibt. Darüber hinaus bietet das Gesetz interessante Optionen, neue Gesellschafter aufzunehmen und das Unternehmen neu zu kapitalisieren. Ein Unternehmen aber, dass keine Berichtigung mehr hat am Markt zu bleiben, rettet auch das neue Insolvenzrecht nicht.

Interview: Hanno Bender

Zur Person:
Detlef Specovius ist Partner der Kanzlei Schultze & Braun und hat eine 18-jährige Erfahrung als Insolvenzverwalter und Restrukturierer. Er ist Fachanwalt für Insolvenzrecht und Spezialist für Insolvenzpläne und Eigenverwaltung. In operativer Funktion (Geschäftsführer, Aufsichtsratsvorsitzender, Chief Restructuring Officer) verantwortete er die Sanierung zahlreicher Unternehmen, darunter SinnLeffers und SaarGummi. Die Kanzlei Schultze & Braun mit Sitz in Achern ist auf Insolvenzverfahren und Sanierungsberatungen spezialisiert und betreute unter anderem die Fälle FlowTex, Daewoo Germany, Winterling, Fairchild Dornier und Rosenthal.

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