Unternehmen & Märkte

SCHLECKER-ZUKUNFT | 01.03.2012

Schlecker setzt Politik moralisch unter Druck

Nach dem schlimmsten Tag in der Geschichte von Schlecker hat der Kampf ums Überleben des Unternehmens begonnen. Auch die Politik soll helfen, denn es handele sich um eine außergewöhnliche Insolvenz.

Schlecker-Insolvenzverwalter Geiwitz, Foto: Christian Grau

Schlecker-Insolvenzverwalter Geiwitz: "Schlecker hat eine Zukunft."

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Wie grotesk die Wirklichkeit sein kann. An diesem Donnerstag verschickt dm-Drogeriemarkt eine Jubelmeldung mit dem Inhalt, dass bei einer bundesweiten PR-Aktion am Mittwoch 1,74 Millionen Euro Spendengelder für Hilfsorganisationen wie "Fans for Nature" und "Humor Hilft Heilen" zusammengekommen sind.

Ein Fall für Hilfe ist hingegen auch der Konkurrent Schlecker. Schnelle Hilfe, wohlgemerkt. Denn der Schalttag am Mittwoch war für die Drogeriekette aus Ehingen kein Tag zum Jubeln. Rund 2.500 Filialen werden geschlossen, rund 12.000 Mitarbeiter sollen ihre Jobs verlieren.

"Ich fühle mich alleingelassen"


Und was der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz bereits am Mittwoch ankündigte, wird einen Tag später bestätigt: Schlecker fordert auch von der Politik Rettungshilfe. Und dabei heißt es - auch ein bisschen moralischer Druck kann nicht schaden. Schlecker-Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann gibt jedenfalls vor, "sauer" auf die Politik zu sein. "Ich fühle mich sehr alleingelassen", sagte sie am Donnerstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Sie habe keinen Anruf, keine E-Mail, gar keine Reaktion auf die harten Einschnitte bekommen, die Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz am Mittwoch verkündet hatte. Lediglich die Lokalpolitik habe sich gemeldet.

"Es geht um die Schicksale von Tausenden Bundesbürgerinnen", erklärte Hoffmann. Denen habe die Nachricht, dass rund 12.000 Arbeitsplätze wegfallen, "den Boden unter den Füßen weggezogen." Sie habe erwartet, dass sich zum Beispiel Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) oder jemand aus der baden-württembergischen Landesregierung äußere.

Von der Leyen hatte sich vor zwei Jahren überraschend und überaus aktiv für die Rettung des Warenhauskonzerns Karstadt eingesetzt.

Ruf nach Transfergesellschaft wird laut


"Wenn man sich Fälle wie Opel anschaut, da war das ganz anders", so Hoffmann. "Da bin ich jetzt mal ganz ketzerisch und sage: da ging es ja auch um Männer-Arbeitsplätze." Auch bei anderen staatlichen Rettungsmaßnahmen für die Wirtschaft sei es ganz anders zugegangen, erklärte sie. Nun müsse möglichst schnell eine Transfergesellschaft her, um den Schlecker-Frauen eine Perspektive zu ermöglichen.

Auch Verdi-Chef Frank Bsirske forderte im "ARD-Morgenmagazin", schnell eine Transfergesellschaft für die Tausenden betroffenen Frauen einzurichten. "Wir brauchen hier auch Initiativen aus der Politik, um Zeit zu gewinnen", so Bsirske. Diese Zeit könne für die Investorensuche genutzt werden.

Bei den Arbeitnehmervertretern ruhe viel Hoffnung auf dem Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. "Wir konnten ihm ansehen, wie schwer es ihm fiel, uns am Mittwoch die schlechten Nachrichten zu überbringen", sagte Betriebsrätin Hoffmann. Geiwitz vertrauten sie und ihre Kolleginnen - denn er habe bei allen schlechten Nachrichten deutlich gemacht, dass es ihm darum gehe, Schlecker zu erhalten, "wenn auch nur mit 3.000 Filialen."

Insolvenzrecht zugunsten der Frauen auslegen


Auch Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel, richtete sich deutlich an die Politik. "Es geht um eine Zukunftsperspektive für die Beschäftigten bei Schlecker. Hier ist es unverzichtbar, dass die Politik die erforderlichen Spielräume schafft", forderte die Gewerkschafterin. "Das bisher vorliegende Konzept setzt vor allem auf Kostenersparnis zulasten der Schlecker-Frauen und -Männer. Notwendig ist aber ein durchdachtes, in die Zukunft gerichtetes Fortführungskonzept, das auch Voraussetzung ist für die erfolgreiche Suche nach Investoren", konkretisierte Nutzenberger.

Doch sei es utopisch, ein kreatives Konzept über Nacht zu ersinnen. Deshalb sei bei der genannten Zahl der zu schließenden Verkaufsstellen und der bedrohten Arbeitsplätze das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Wir werden um jede Existenz kämpfen. Darum fordern wir von der Politik Unterstützung bei der Beseitigung bürokratischer Hürden, um die notwendige Zeit und Konzentration für die Erarbeitung des Fortführungskonzeptes zu erhalten", betonte die Gewerkschafterin.

Hierzu müsse das Insolvenzrecht so ausgelegt oder aktualisiert werden, dass diese besondere Insolvenz mit fast ausschließlich Frauenarbeitsplätzen bewältigt werden könne, sagte Nutzenberger.

Der Insolvenzverwalter ist der Schlecker-Chef


Geiwitz, das war schon bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Frankfurt zu spüren, ist der Mann für den Aufbruch bei der Drogeriekette, von der Familie Schlecker redet niemand mehr. Und eines der Ziele des Insolvenzverwalters aus Ulm ist auch, Optimismus zu verbreiten und den Glauben an die Rettung des Unternehmens vorzuleben. "Natürlich müssen wir noch mit Arbeitnehmern, Vermietern und Lieferanten verhandeln. Aber wir sind doch (...) alle der Meinung, dass wir die Voraussetzungen geschaffen haben, dass Schlecker diese Zukunft hat", sagte Geiwitz ebenfalls im "Morgenmagazin".

Geiwitz erklärte, die Auswahl der Läden, die geschlossen werden sollen, sei schwer gewesen. Auch "das Resultat von 12.000 Entlassungen ist bitter genug", betonte er. Doch könne kein Unternehmen dauerhaft mit Verlusten leben. Hinzu komme die bisher fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Schlecker brauche auch ein anderes Sortiment. "Das wird der Kunde merken, in den nächsten Wochen und Monaten", so Geiwitz.

Warten auf Geiwitz' Gutachten


Der zuständige Ulmer Amtsrichter Benjamin Webel sagte am Donnerstag, Geiwitz müsse ihm noch das Gutachten über Schlecker aushändigen. "Erst wenn das vorliegt, kann ich über die Eröffnung des Insolvenzverfahrens entscheiden." Dieses werde spätestens am 1. April eröffnet. Er habe einen Gläubigerbeirat berufen, der bereits in den vergangenen Wochen Geiwitz' Arbeit begleitet und kontrolliert habe.

Im Beirat seien alle wichtigen Gläubiger vertreten. Das sind die Lieferanten, die Bundesanstalt für Arbeit, die derzeit die Löhne alimentiert, sowie die Arbeitnehmer. Geiwitz sagte am Mittwoch, dass 86 Prozent der Hersteller zugesichert hätten, Schlecker weiter zu beliefern.

dpa / ges

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