Unternehmen & Märkte

SPIELWARENHANDEL | 08.02.2010

Frankenstein muss aus dem Regal

Sicherheit ist wieder ein großes Thema in der Spielwarenbranche. Die jüngsten Ergebnisse von "Öko-Test" sprechen jedoch für den Fachhandel. Und manche Unternehmen verändern ihr Sortiment.

Kinderspielzeug (Foto: Fischer Technik)

Kinderspielzeug: Die Kunden vertrauen dem Fachhandel.

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Für die Spielzeughersteller geht es um Geld, viel Geld. Wenn bei ihnen gefährliche oder giftige Produkte entdeckt werden, ist nicht nur der finanzielle Schaden enorm, auch der Ruf des Unternehmens ist ramponiert.

Den Firmen sitzt deshalb stets die Angst vor einer Rückrufaktion im Nacken - sollte eines ihrer Spielzeuge betroffen sein, wäre dies für sie ein Fiasko.

Bleihaltige Barbie-Puppen


2006/07 hatten sich die Qualitätsmängel regelrecht gehäuft. Immer wieder mussten Hersteller ihre Produkte aus den Kinderzimmern zurückholen. Betroffen waren nicht nur kleine No-name-Firmen mit Ein-Euro-Produkten. So hatte etwa der weltgrößte Spielzeugproduzent Mattel ("Barbie"-Puppen) Blei in seinen Farben.

Das US-amerikanische Unternehmen musste rund 20 Millionen Teile zurückordern. Aber auch schlecht befestigte Augen oder verschluckbare Magneten kamen auf den Index. Damit wurde Spielzeugsicherheit auch in der Öffentlichkeit zum Gesprächsstoff.

Heile Spielzeugwelt - zumindest optisch


"Das Wachrütteln des Bewusstseins hat dazu geführt, dass sich jeder wieder intensiv mit dem Thema beschäftigt", berichtet Jürgen Jagoschinski, der Leiter des Qualitätsmanagements vom Deutschen Spielwarenverband DVSI. In der Tat: Wer in diesen Tagen durch die Hallen der Nürnberger Spielwarenmesse läuft, stößt immer wieder auf das Thema.

Optisch wird dort zwar die heile Spielzeugwelt inszeniert, mit kuschelig weichen Teddybären und glitzernden Puppen. Doch die Branche diskutiert Begriffe wie Sicherheit, Prüfung und Zertifizierung.

Weniger Lizenzen, weniger Mängel


Die gesetzlichen Regelungen - so die Meinung der Branche - werden zumeist eingehalten. Auch in China, dem weltweiten Spielzeughersteller Nummer eins, gibt es nach dem Entzug von mehr als 10.000 Lizenzen immer weniger Mängel.

Doch die Kontrolleure plagt noch ein anderes Problem: "All diese Stoffe, die in der Luft, an Menschen, an Gegenständen haften, übertragen sich irgendwann auf das Produkt. Das ist dann zwar immer noch schön weich, aber es sind Ablagerungen drauf", erläutert Jagoschinksi.

"Superhohe Grenzwerte"


Bislang setzen in der Spielwarenbranche nur wenige Hersteller auf eine lückenlose Dokumentierung der Lieferkette. Gerade für kleinere Unternehmen ist es ohnehin nicht einfach, den Überblick zu behalten.

Die Vorgaben füllen inzwischen mehrere Aktenordner. "Die Grenzwerte für diese Verbote sind so superhoch, dass da nichts passieren kann", bewertet DVSI-Geschäftsführer Volker Schmid die EU-Spielzeugrichtlinie, die nach den Skandalen der Vergangenheit jüngst verschärft worden ist.

"Öko-Test" fällt miserabel aus


Doch diese Richtlinie soll in diesem Jahr abermals überarbeitet werden. Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil begrüßt diese Novellierung und fordert Augenmaß bei der Bewertung über die Gefahren von Spielwaren.

Das sehen nicht nur die Prüfer der Zeitschrift "Öko-Test" anders, die im aktuellen Heft zwanzig Spielsachen gecheckt haben. Das Ergebnis war miserabel. Weichmacher wie Phthalate, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, zinnorganische Verbindungen und bromierte Flammschutzmittel fanden sich zuhauf.

Organmissbildungen und Unfruchtbarkeit


Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland warnt deshalb vor einer unsichtbaren Gefahr. Die Stoffe stehen teils im Verdacht, gerade bei Kindern wie ein Hormon zu wirken.

Besonders perfide sei, dass sich die Chemikalien im Körper ansammelten und in ihrer Wirkung gegenseitig verstärkten - mit gravierenden gesundheitliche Folgen wie Organmissbildungen oder Unfruchtbarkeit.

Vedes mit starkem Test-Ergebnis


Für Wolfgang Groß sind die schlechten "Öko-Test"-Urteile die beste Werbung für den Fachhandel. Der Vorstandsmitglied von Vedes betont im Gespräch mit derhandel.de, dass sich der spezialisierte Handel sich über Qualität profilieren müsse. Die Eigenmarken der Verbundgruppe schnitten übrigens bei "Öko-Test" hervorragend ab - wie auch im vergleichbaren Test im Dezember 2008.

In der Tat betreffen viele ungenügende aktuelle Test-Ergebnisse Spielwaren, die von Discountern wie Kik, Tedi oder Toys 'R' Us angeboten werden. Otto E. Umbach, Geschäftsführer des Vedes-Konkurrenten Idee+Spiel, sagt zu derhandel.de, dass die Kunden deswegen dem Fachhandel mehr "als jedem anderen Vertriebsweg trauen".

Für Umbach zählen nur die Gesetze


In seiner Verbundgruppe habe es noch nie einen Rückruf für mangelhafte Spielwaren gegeben. Idee+Spiel beschäftige zwei spezialisierte Mitarbeiter, die sich um den gesamten Sicherheitsbereich kümmern, betont Umbach. Zum kämen nur Waren ins Sortiment, die vom Hersteller zertifiziert worden sind.

Allerdings relativiert Umbach die verheerenden Ergebnisse von "Öko-Test". Die Zeitschrift habe eigene Testkriterien, die von den gesetzlichen Vorgaben abweichen. "Aber wir können uns nur an die Gesetze halten", versichert der Geschäftsführ. Alle Rahmenbedinungen müssten für die Branche einheitlich sein - und deswegen hält Umbach von einer freiwilligen Kooperation der Branche mit "Öko-Test" nichts.

Aus für Frankenstein


Andere Händler sind aber nach den "Öko-Test"-Ergebnissen aktiv geworden. So habe die Ladenkette Pappnase & Co. eine mit "ungenügend" getestete Gummi-Fingerpuppen "Frankenstein" und "Drache orange" aus dem Sortiment genommen, schreibt das Blatt.

Bei den beiden Figuren waren zu viele Weichmacher und chlorierte Kunststoffe entdeckt worden. Ein Nachfolgetest des TÜV habe das Ergebnis von "Öko-Test" bestätigt, teilt Pappnase & Co. mit.
 
dpa / ges

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