Unternehmen & Märkte

ÜBERNAHMEN | 21.10.2012

Tegut, Hessnatur und Co.: Schweizer kaufen deutsche Firmen

Der starke Franken machts möglich. Ob Brezelbäcker oder Supermarktkette - Schweizer Unternehmer gehen in Deutschland auf Einkaufstour. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe.

Hessnatur-Filiale, Foto: Hessnatur

Hessnatur-Filiale in München: Angst vor Imageverlust

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Das "Schlaraffenland" beginnt für Schweizer gleich hinter der nördlichen Grenze: In Euro-Deutschland bekommen sie mit ihrem superstarken Franken fast alles deutlich billiger als zu Hause.

Zehntausende Eidgenossen erledigen ihre Einkäufe in grenznahen Supermärkten zwischen Weil am Rhein und Konstanz. Andere kaufen bei den Deutschen gleich ganze Supermärkte: Fast 300 Filialen der Fuldaer Tegut-Kette wurden in der vergangenen Woche vom Schweizer Einzelhandelsriesen Migros übernommen.

Ditsch, Tegut, Hessnatur - die Liste wird immer länger


Der Deal ist kein Einzelfall: Der Mainzer Brezelbäcker Ditsch mit Verkaufsstellen in Bahnhöfen, Einkaufszentren und Fußgängerzonen soll an die Schweizer Valora-Gruppe verkauft werden. Beim Ökomoden- Hersteller Hessnatur aus dem mittelhessischen Butzbach hat seit diesem Juni der Schweizer Finanzinvestor Capvis das Sagen.

"Der Franken ist außerordentlich stark, das macht es für schweizerische Unternehmen günstig, sich in Deutschland einzukaufen. Dazu kommt: Deutschland ist im Euroraum der sichere Hafen", erklärt Deutsche-Bank-Währungsexperte Thomas Meyer.

"Je größer die Sorge um den Euro, desto stärker die Flucht in den Franken. Dazu kam bis zur Einführung des Mindestkurses durch die Schweizer Nationalbank noch die Spekulation auf eine weitere Aufwertung des Franken", so Meyer.

Starke Währung


Die "Neue Zürcher Zeitung" schätzte den Preis für die Tegut-Übernahme auf bis zu 300 Millionen Schweizer Franken. Vor nicht allzu langer Zeit hätte Migros die florierende deutsche Supermarktkette, die stark auf Bio setzt, dafür kaum erwerben können.

Noch vor fünf Jahren - am 1. Oktober 2007 - waren 300 Millionen Franken auf den Devisenmärkten lediglich 180 Millionen Euro wert. Heute sind es fast 250 Millionen Euro. Für Schweizer ist der "große Kanton", wie sie Deutschland nennen, dank Euro-Schuldenkrise zum Billigland geworden.

Die Schweizer Einkaufstour stößt nicht überall auf Gegenliebe. Unmittelbar nach Bekanntgabe der Tegut-Übernahme erinnerten die Gewerkschaften auf beiden Seiten der deutsch-schweizerischen Grenze den Handelsriesen Migros an bestehende Tarifverträge in Deutschland.

Bei Hessnatur ging die von Kunden und Beschäftigten getragene Genossenschaft HNGeno auf Konfrontationskurs zum neuen Eigner. Hartnäckig hielt sich die Befürchtung, das Image des Ökomoden- Herstellers könnte leiden, wenn ein Finanzinvestor einsteigt.

Sicherer Hafen


Migros, Valora und Capvis ihrerseits verstehen die Stärke der heimischen Währung als Chance zur Expansion in der Eurozone - vor allem in Deutschland. Dabei macht es Marktführer Migros nicht anders als die Konkurrenz.

So übernahm Coop - die zweitgrößte Schweizer Handelskette - 2010 den im hessischen Neu-Isenburg ansässigen Gastronomie-Großhändler Transgourmet vollständig von der Rewe-Gruppe.

Auch die Schweizer Nationalbank (SNB) hat den Euroraum im Visier - wenngleich mit anderem Ziel. Die Notenbank kaufte in den vergangenen Monaten massiv Euros, um den Wechselkurs nicht unter 1,20 Franken sinken zu lassen. Die Euros der Nationalbank schmoren freilich nicht als Cash in Berner Bunkern. Sie werden wieder angelegt: oft in deutschen Staatsanleihen.

Jörn Bender, Thomas Burmeister und Frank Heidmann, dpa

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