Unternehmen & Märkte

WARENHÄUSER | 22.05.2009

"Hertie hatte keine Chance"

Joachim Stumpf, Geschäftsführer und Kaufhausexperte der BBE-Handelsberatung München, über die Gründe für die Hertie-Pleite und Erfolgskonzepte für Warenhäuser.

Bald gibt es Hertie nicht mehr.

Bald gibt es Hertie nicht mehr.

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War das Aus für Hertie absehbar?

Eindeutig ja. Wir haben bereits im letzten Jahr gewarnt, dass das Geschäftsmodell von Hertie nicht funktionierte. So hatte das Unternehmen keine Chance.

Welche sind genau die Gründe für den Hertie-Niedergang?

Zunächst einmal die Betriebsform Warenhaus selbst - als Vollversorger waren die Hertie-Filialen nicht haltbar. Das größere Problem liegt jedoch darin, dass die Standorte zu verschieden sind, die Verkaufsflächen schwanken zwischen 2.000 und 8.000 Quadratmetern. Hierfür ein einheitliches Sortiments- und Ladenkonzept zu finden, ist schier unmöglich.

Stimmen Sie der Kritik des Insolvenzverwalters zu, wonach die britischen Eigentümer zu hohe Mieten verlangt haben?

Es sieht ganz danach aus, als hätten sich die Eigentümer verkalkuliert. Sie haben schlechte und zu unterschiedliche Standorte übernommen und versucht, eine Standardlösung für alle zu finden. Dabei hatten sie stets vor allem die Immobilienrendite im Auge. Der Versuch, die Häuser mit Bausteinen wie Shop-in-Shop-Lösungen zu bestücken, schlug fehl.

Was wäre die bessere Strategie gewesen?

Man hätte wenigstens die Standorte „clustern" können - das heißt, sie nach ihrer Größe und Funktion zu unterteilen. Dann könnte man für jeden Filialtyp ein geeignetes Konzept entwickeln, das zum Beispiel bei Nahversorgern in kleineren Ortschaften anders aussehen würde als bei Filialen in Großstädten. Ob das bei der Heterogenität der Standorte geglückt wäre, ist allerdings fraglich.

Nun könnten bei einer Fusion von Karstadt und Kaufhof weitere Warenhäuser schließen.

Es gibt nun mal zu viele Warenhäuser in Deutschland, die sich nicht voneinander unterscheiden. Der Marktanteil der Häuser ist in den letzten Jahren stets geschrumpft, die Zahl der Filialen dagegen kaum. Irgendwann mussten wir zum Ausleseprozess kommen.

Haben Warenhäuser überhaupt noch eine Chance auf dem Markt?

Natürlich. Das beweisen die hunderte mittelständisch geführten Kaufhäuser in Deutschland, die quer durch die Republik regional gut aufgestellt sind und sehr erfolgreich agieren. Sie florieren, weil sie die Nachfrage- und die Wettbewerbssituation vor Ort sehr gut kennen und sich voll auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen, ohne dass eine Zentrale mitmischt.

Foto: BBE

Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung in München

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Wären das auch Erfolgskriterien für Warenhausketten wie Hertie?

Klar. Die Flexibilität in der Sortimentszusammenstellung ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil. Wenn man das anbietet, was die Kunden vor Ort wollen, und nicht das, was die Zentrale will, hat man einfach mehr Erfolg. Dazu entwickeln Mittelständler regionale Marketingaktivitäten, die bei den Kunden besser ankommen als zentral gesteuerte Werbekampagnen.

Nun klagen viele Städte, die Schließung des örtlichen Warenhauses sei der Todesstoß für die City. Ist diese Klage berechtigt?

Es gibt natürlich viele Konzepte, um die Kaufhausimmobilien weiter zu nutzen, zum Teil kann man sogar eine deutlich höhere Wertschöpfung damit erzielen. Jene Innenstädte, die in den letzten Jahren ohnehin an Attraktivität verloren haben, werden aber natürlich Probleme bekommen.

Interview: Marcelo Crescenti

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