Unternehmen & Märkte

WARENHÄUSER | 06.09.2009

Hertie: verkauft und verramscht

Guter Standort, gute Geschäfte - aber insolvent. Mitte August schlossen die letzten Hertie-Häuser. Das Ende der Detmolder Filiale steht exemplarisch für viele.

Ein Bild aus der Vergangenheit: Hertie gibt nicht mehr.

Ein Bild aus der Vergangenheit: Hertie gibt nicht mehr.

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Ursula Jacob-Reisinger breitet die Arme aus und sagt: „Hier war die ­Lederwaren-Abteilung." Resigniert blickt die Betriebsrätin von Hertie in Detmold durch ihr Haus, in dem noch die Ladenhüter aus dem Textillager verschleudert werden. In wenigen Tagen wird das Warenhaus für immer schließen. Auch für die letzten Hertie-Filialen endete Mitte August 2009 die mehr als 125-jährige Unternehmensgeschichte mit dem endgültigen Ladenschluss.

Ursula Jacob-Reisinger hat seit 1980 bei Hertie in Detmold gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiterin Damen-Oberbekleidung. Zum 31. Oktober wurde der 51-Jährigen gekündigt, ebenso wie ihren rund 100 Kollegen vor Ort. Warum, versteht sie nicht. „Hertie war der Anker für die Innenstadt." In Spitzenzeiten habe der Jahresumsatz der Niederlassung bei 14 Millionen Euro gelegen.

Keine Handelsexpertise


Auch Johann Rösch findet die Schließung des Warenhauses in dem ostwestfälischen Städtchen absurd. „Wir wissen von 30 Filialen, die schwarze Zahlen geschrieben haben. Detmold gehörte dazu wie Weiden, Deggendorf und München-Giesing", sagt der für Hertie zuständige Verdi-Sekretär im Gespräch mit Der Handel. „Die Häuser hätten eine Chance gehabt, wenn Dawnay Day Handelsfachleute gehabt hätte und die Mieten marktüblich gewesen wären."

Ursula Jacob-Reisinger erinnert sich an Berater, die von den britischen Eigentümern nach Detmold geschickt wurden, um das Geschäft anzukurbeln - mit Rabattschlachten. „Unser Image wurde verramscht", sagt die Betriebsrätin.

Reiner Heller, Bürgermeister von Detmold, hat seinen Wesslinger Amtskollegen Günter Ditgens als Sprecher der Bürgermeistergruppe abgelöst, die darum kämpft, dass die Hertie-Filialen in ihrer jeweiligen Stadt neue Besitzer finden. Heller berichtet von einem Investor aus der Region, den er für „sein" Haus an der Hand gehabt habe, der sogar  ein Warenhauskonzept vorbereitet hatte. 7,5 Millionen Euro wollte der Interessent für die Liegenschaft bezahlen. Doch die Engländer hätten für die 30 Jahre alte Immobilie mit 11.000 Quadratmetern Mietfläche 16 Millionen Euro gefordert.

Dieses Jahr kommt es zu keiner Wiedereröffnnung


Den Zuschlag für das Objekt erhielt schließlich ein Projektentwickler für zehn Millionen Euro, wie Heller vermutet. „Dieser Betreiber will kein Warenhaus", sagt der Bürgermeister. Vielmehr seien zwei Ankermieter - darunter ein Saturn-Elektronikmarkt - und einzelne Shops geplant.

13 Hertie-Filialen vermittelte das Maklerunternehmen BNP Paribas Real Estate (vormals Atisreal) seit Mai 2008 an neue Eigentümer, 51 Standorte standen bei Redaktionsschluss der September-Ausgabe (24. August) noch zum Verkauf.

Heller spricht von einer langen Umbauphase, die dem Detmolder-Haus nun bevorstehe. „Dieses Jahr wird es nichts mehr mit der Wiedereröffnung." Und ob die 100 ehemaligen Hertie-Mitarbeiter dort neue Jobs finden, ist unklar.

Steffen Gerth
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 9/09 des Wirtschaftsmagazins Der Handel

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